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Ein Gespräch mit Ersan Mondtag

In Zeiten von grotesker Selbstoptimierung und allgegenwärtigem Leistungsdruck lädt die Ausstellung „I AM A PROBLEM“ zu einer furiosen Reise durch die Hochebenen und Niederungen menschlicher Existenz ein. Inszeniert vom viel beachteten Jung-Regisseur und Bühnenbildner Ersan Mondtag entfaltet sich im MMK 2 eine düstere und zugleich aufreizende Parallelwelt, in der Werke aus der Sammlung des MMK zu Protagonisten einer Erzählung werden und miteinander in Dialog treten. In einem Interview spricht Ersan Mondtag über sein inszenatorisches Konzept, die Raum- und Soundgestaltung sowie zentrale Themen der Ausstellung, wie Selbstoptimierung und Körperkult.

DSC_0014Ersan Mondtag, Foto: Thomas Schröder

Damla Arican / MMK: Im MMK 2 überträgst du erstmals deine Inszenierung in einen Museumsraum. Was hat sich dabei für dich als Regisseur verändert?

Ersan Mondtag: Der Unterschied ist, dass ich am Theater mit Schauspielern arbeite, beziehungsweise fiktiven Figuren, die mit Schauspielern zum Leben erweckt werden. Im MMK 2 inszeniere ich Kunstwerke, die zu Darstellern werden und miteinander in einen Dialog treten. Der Ansatz bleibt im Grunde gleich, da jedes Kunstwerk an sich auch eine Figur, ein sehr komplexes Wesen, darstellt. Sie sind zwar nicht beweglich, jedoch ist es möglich sie ins Gespräch zu bringen. Der Museumsraum ist dabei aber keine klassische Bühne. Es gibt keine Zentralperspektive wie im Theater, vielmehr laufen die Besucher durch den Raum. Doch meine Herangehensweise hat sich nicht verändert. Ich habe nur die Parameter ein bisschen verschoben.

DA: In einer Ausgabe der Deutschen Bühne betonst du, dass ein Objekt so belassen werden sollte, wie es ist, damit eine einfache Betrachtung ermöglicht wird. Wie lässt sich dieser Gedanke in der bildenden Kunst umsetzten?

EM: Beim Theater schaffe ich selber „Bilder“. Der Unterschied zum Museum ist, dass ich mit Fremdbildern arbeite, die dann in einen Kontext gesetzt werden. Auf der Bühne kann ich beeinflussen, wie lange Bilder stehen und wann sie sich wieder auflösen. Hier ist die größte Herausforderung, unterschiedlichste Bildwelten in eine Raumatmosphäre oder Erzählung zu überführen. Es sind über 30 Künstler und somit komplett verschiedene Handschriften ausgestellt. Das ist schon ein komplizierter Vorgang, der aber auch Spaß macht!

DA: In deinen Inszenierungen beziehst du Medien wie Film, Musik und Kunst mit ein. Arbeitest du bewusst transdisziplinär?

EM: Ich denke gar nicht konkret in Gebieten. Ich habe eine Idee und dann überlege ich, welche Mittel ich brauche, um diese umzusetzen. Ich bin weder Filmemacher, noch Theatermacher, noch Opernregisseur, noch bildender Künstler. Ich beschränke mich da nicht, und nehme zu meinen Ideen die Mittel aus allen Bereichen. Ich könnte niemals nur innerhalb eines Mediums denken. Das ist doch auch Quatsch. Das Theater ist sehr interdisziplinär und die bildende Kunst auch.

9801_3000x2000_copyright_Stadt_Frankfurt_Stefan_MaurerAusstellungsansicht MMK 2, Foto: Stefan Maurer

DA: Du hast dir einen Künstlernamen gegeben, indem du deinen Nachnamen ins Deutsche übersetzt hast. Gab es dafür einen bestimmten Grund?

EM: Ich hab das schon sehr früh gemacht, eigentlich schon mit 18. Ich hatte keine Lust in eine deutsche Diskriminierungskategorie zu rutschen, damit wollte ich mich gar nicht erst beschäftigen. Zu dem Zeitpunkt, als ich überlegte, ins Theater zu gehen, war es noch undenkbar, dass ein türkischer Regisseur inszeniert. Das ist eine ganz neue Entwicklung, dass so etwas überhaupt möglich ist. Es gab vereinzelt Leute, die „Romeo und Julia“ oder „Othello“ als Ghetto-Stück produziert haben. Das war dann etwas, was man als „Türke“ machen durfte, doch damit wollte ich erst gar nichts zu tun haben. Ich wollte mich einfach ganz regulär mit der Welt beschäftigen und frei als Künstler arbeiten. Deswegen habe ich mich in diesem Fall einfach assimiliert, um bei diesem Thema meine Ruhe zu haben. So habe ich das Thema elegant umgangen. Das hat auch ganz gut funktioniert.

DA: Zu den zentralen Themen der kommenden Ausstellung zählen Selbstoptimierung, Identität und Selbstproblematisierung …

EM: Die Ausstellung geht über Selbstoptimierung hinaus, es geht um kollektiven Körperkult oder mehr noch um eine Perfektion von Körper, die in körperliche Verstümmelung übergreift. Optimierung ist gleichzeitig auch Deformierung, dies reicht bis zu kriegerischen und militärischen Auseinandersetzungen. Die Frage ist dann: Was hat ein vermeintlich subjektiv angelegter Körperkult mit einem höheren globalen kriegerischen Phänomen zu tun? Das finde ich auf jeden Fall sehr interessant, da dies in direkter Verbindung zur Gegenwart steht. Die ganzen ökonomischen Kriege, die wir führen, basieren auf einer Lebensrealität, die uns zwingt, auf eine bestimmte Art zu leben, und implizieren eine wirtschaftliche Übermacht.

DSC_0060Ersan Mondtag, Foto: Thomas Schröder

DA: Worin existiert die genaue Verbindung zwischen militärischen Kriegen und Körperkulten?

EM: Es geht um den Punkt, an dem das Kultische in Fanatismus umschlägt. Zu simpel wäre es, die Sehnsucht nach individueller Schönheit oder Fitness gleich als wahnhaft darzustellen. Körper sind eine Option, Schönheit ist nicht mehr natur- oder gottgegeben, der Körper sind wir, damit ist er auch Teil unserer Sinn- und Selbstfindung. Es wäre falsch, im Rahmen einer sauertöpfischen Konsumkritik sofort alle zu pathologisieren, die an ihrem Körper eine kultische Freude haben. Deshalb ist es besser von Selbstoptimierung als von Körperkult zu sprechen, denn Selbstoptimierung ist ein autoritäres Projekt: Da zeigt sich die Verbindung zum Faschismus, und Krieg ist für Faschismus das, was der Mehrwert für den Kapitalismus ist: die überlebensnotwendige  Konsequenz. Früher hat der Mensch wachsendes technisches Know-How genutzt, um andere Länder im Dienste des eigenen Fortschritts zu kolonisieren, dann kam die Idee, in den Weltraum vorzustoßen, als die Erde quasi abgegrast war: Heute ist unser Körper das große Universum, das wir erobern. Führt der Markt einen Wirtschaftskrieg um die schönsten Körper? Aber natürlich. Keine Kaserne führt martialischere Reden als ein Fitnessstudio oder die Balanced-Food-Industrie. Und das bringt bestimmte Charaktere oder Konsumenten hervor. Die Studien zum autoritären Charakter/Konsumenten lassen sich mit der Selbstoptimierung kurzschalten: Schönheit ist Macht, ist Kapital, ist Schicksal, alles andere ist Schwäche, Pleite, Versagen. Das ultimative Pin-up der Industriegesellschaft und eines der gängigsten Themen in der Pornographie ist mitunter der schöne Soldat. Wenn Schönheit Macht ist, dann tötet Schönheit, und absolute Schönheit tötet auch absolut, um ein Zitat des Kriegsforschers Rudolph Rummel zu paraphrasieren. Der Selbstoptimierungs-Faschist will die Kontrolle über sich, wie der klassische Faschist über seine Umwelt. Notwendigerweise wird das Selbstoptimierungsprojekt zu einem nach außen aggressiven. Denn man bringt ja Opfer, zählt Schritte, regelt Kalorien, erstellt Organigramme des Zeitmanagements, um keine Sekunde, keine Energie zu verschwenden, rüstet sich mit Apps und Gadgets zum Cyborg, und je mehr man seinen Körper diesem Regime unterwirft, desto unerträglicher, verachtenswerter, ja gefährlicher werden andere, die diese Praxis ablehnen oder ignorieren, und am Ende dir vorwerfen: Man könnte auch anders leben. Wann wird Selbstoptimierung zu Selbstverstümmelung – wenn man optimal sein will, hat man sich schon gedanklich selbst verstümmelt, denn man reguliert, quält seinen Körper im Dienste einer Fiktion: Man kann nie optimal, kann nie der Gott der eigenen säkularisierten Religion werden, trotzdem wählt man ein Leben voller Verbote und Selbstbestrafungen, um einem optimalen und definitionsgemäß nie erreichbarem Selbst zu dienen. Selbstoptimierung ist per se Fanatismus, man kann gar nicht nur ein bisschen optimal sein. Dein Körper wird dein Führer. Und hier beginnen die Kriege, in der Bereitschaft, dass der Schönste, Beste, optimal Gerüstete am Ende der Geschichte siegen wird, weil er es verdient hat, weil er Opfer gebracht hat. Und weil sein Beispiel das Optimale für die gesamte Menschheit herausschlagen wird, wenn der optimale Beweis erbracht wurde, dass alle anderen Konzepte und Menschen, die ihnen anhängen, wertlos sind. Selbstoptimierung braucht die Selbstbestätigung, dass alle anderen alles verloren haben. Und wer bereit ist, sein Leben, sich selbst zu opfern, der ist auch bereit andere zu opfern.

 

 

 

3 Kommentare zu “Ein Gespräch mit Ersan Mondtag

  1. hey leute….das ist so enttäuschend, so ekelhaft geschmacklos, ohne ein nano kleinen sinn für ästhetik und unsensibel und mega am thema vorbei…ich/wir möchten unser eintrittsgeld zurück und eine entschädigung für unsere vergeudete lebenszeit bei dieser ausstellung…man liest euren flyer und denkt wow…endlich mal eine ausstellung für uns junge leute…mal was anderes sehen, freuen uns, ihr schreibt: selfie-hype veggie-boom, schönheits-op usw. so stehts in eurem flyer…dann die katastrophe…mir/uns wird schlecht…maria callas mag ja ein bandwurm geschluckt haben aber was hat eine bank, die mit leichenwasser angerührtem material gebaut wurde oder ein ei in einem kondom oder ein sinnfreies video von einem kerl das hüften schwingend läuft und der zuschauer beklommenheit fühlen soll und diese geräuschkulisse, darm und magen…was soll das?

    hey leute, das mit dem eintrittsgeld zurück ist ein scherz aber die vergeudete lebenszeit ist mein ernst.
    Aber:
    Ein riesengroßes Kompliment an den Texter eures Flyers – I am a problem So klasse getextet für so wenig unbedeudente Kunst.
    Ganz besondere Grüße
    Oya von Betims

    • Vielen Dank für deine Rückmeldung zur Ausstellung. Es tut uns leid, dass die Ausstellung nicht deinen durch den Flyer hervorgerufenen Erwartungen entsprach. In „I AM A PROBLEM“ thematisieren wir ausgehend von Werken unserer Sammlung Formen von Selbstoptimierung und ihren Kehrseiten bis hin zur Selbstauflösung. Werke, wie das von Jonathan Horowitz mit dem Aufruf Go Veggie beispielsweise, wenden sich dabei gesellschaftlichen Moden wie dem im Ausstellungstext genannten „Veggie-Hype“ zu und die Fotografien von Bettina Rheims oder Taryn Simon greifen das Thema Schönheits-OPs sehr direkt auf. Bei anderen Werken ist der Bezug zum Thema assoziativer. Ein wichtiger Aspekt ist in der Ausstellung auch die negative Seite der Selbstoptimierung, wie die Selbstzerstörung und Vergänglichkeit. Die von dir angesprochene Arbeit Banco von Teresa Margolles – eine Zementbank, die mit Wasser angerührt ist, das zum Waschen von Leichen verwendet wurde – steht in Zusammenhang mit dem gezeigten Film der Künstlerin, in dem das Wasser durch die Kanalisation in einen Kreislauf kommt, in dem sich Tod und Leben verbinden. Ich hoffe, wir konnten damit kurz anreißen, wie sich die Themen assoziativ entfalten. Wir würden uns freuen, wenn ihr noch einmal vorbeischaut und eigene Zusammenhänge für euch erschließt. Wir bieten auch regelmäßig kostenlose Führungen an, die du hier findest: http://mmk-frankfurt.de/de/erleben/kalender/

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