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Fehlfunktionen als künstlerische Technik

In Dresden gründete die junge Künstlerin Lisa Pahlke, den kulturellen Treffpunkt Karambolage. Ihre in der Ausstellung „Kopf oder Zahl“ im MMK 3 ausgestellten Arbeiten tragen seltsame Namen wie Bingbong, Keimling, gewachsen oder Zwei Bäume sind schon ein Wald. Die Künstlerin setzt mit einem Filzstift, Strich an Strich, um fast schon stofflich wirkende, organische Formen zu schaffen. Bewusst nutzt Pahlke die Fehlfunktionen des Filzstiftes um Vergänglichkeit und Stetigkeit abzubilden. Die Natur, aber auch das Spielerische sind für die Künstlerin von großer Bedeutung.

Im Interview spricht Lisa Pahlke über Dresden als kreativen Raum, warum alternative Ausstellungsräume wichtig sind, über Pegida und ihre Nähe zur Natur.


Lisa Pahlke, o. T., 2017,
Courtesy of the artist, Foto: Axel Schneider

Damla Arican/MMK: Wie hast du dein letztes Jahr verbracht?

Lisa Pahlke: Die meiste Zeit war ich in Dresden im Atelier und konnte die Zeit gut nutzen ohne nebenbei noch einen anderen Job machen zu müssen. Ich hatte die Möglichkeit mich auf meine künstlerische Arbeit zu konzentrieren und großformatiger zu arbeiten. Es ist auch immer eine andere Art zu arbeiten, wenn man auf eine Ausstellung hinarbeitet. In der Zeit sind auch noch viele andere Ausstellungen dazu gekommen. Darunter eine Gruppen- und eine Einzelausstellung in Dresden, eine Einzelausstellung in Berlin und eine weitere Gruppenausstellung der Meisterschüler der HfbK Dresden in Villingen-Schwenningen.

DA: Deine Arbeiten tragen Namen wie Keimling, gewachsen, Zwei Bäume sind schon ein Wald. Du scheinst die Natur sehr in deine Arbeit mit einzubeziehen. Wie wichtig ist die Natur für deine Arbeit?

LP: Die Natur ist auf jeden Fall ein Element, das eine Rolle spielt. Sie fungiert für mich als ein Sehnsuchtsbegriff, da die Natur nicht mehr wirklich in dem Sinne existiert wie wir sie uns vorstellen. Die meisten Menschen leben in der Stadt und vieles ist künstlich. Wir haben eher einen romantischen Begriff von Natur. Zum einen zerstören wir sie und zum anderen vermissen wir sie. Ich frage mich immer was Natur ist und wie sie in unserer heutigen Welt überhaupt noch weiterbestehen kann, ohne dass wir uns komplett in Urmenschen verwandeln müssen. Ich denke viel darüber nach, inwiefern wir zur Zerstörung der Natur beitragen. In Anbetracht der Tatsache wie wir konsumieren, ist es sehr relevant , mehr über Methoden zur Erhaltung der Natur nachzudenken.

Lisa Pahlke, Keimling, 2016, Courtesy of the Artist

DA: Mit Tusche und Filzstift fertigst du großformatige Arbeiten an. Ergeben sich deine Werke während du an ihnen arbeitest oder entwickelst du vorher ein Konzept?

LP: Ich arbeite nicht wirklich nach einem Konzept. Meine Arbeiten entstehen während ich sie male. Ich habe immer eine grobe Idee, aber ansonsten ist es so, dass ich irgendwo anfange. Mir geht es darum das Spielerische und Kindliche wieder aufzugreifen. Wenn man mit einem Filzstift malt, entstehen störender Weise immer Überlappungen. Diese mache ich mir zu eigen. Dadurch entsteht auch die Räumlichkeit in meinen Zeichnungen. Bei meiner Arbeit Palmata (2016/17), die im MMK 3 ebenfalls ausgestellt ist, habe ich ebenso eine Fehlfunktion genutzt. Es gibt einige Filzstifte deren Farbe mit der Zeit verblasst. Das ist etwas, das ich in meiner Arbeit bewusst einsetze.

DA: Hat ein Austausch zwischen dir und Richard Leue, der zeitgleich das Stipendium erhalten hat, stattgefunden?

LP: Wir hatten einige Male telefonischen Kontakt. Dadurch, dass wir an verschiedenen Orten waren und uns durch das Studium nicht wirklich kannten, hat dieser Kontakt nicht kontinuierlich stattgefunden. Wir haben versucht uns ein bisschen für die Ausstellung abzusprechen. So ist zum Beispiel auch meine Arbeit mit den Rissen entstanden. Die Themen mit denen sich Richard auseinandersetzt, beschäftigen mich teilweise ebenfalls. Meine Arbeiten sind zwar nicht explizit politisch, aber ich bin ebenso vom aktuellen politischen Geschehen beeinflusst. Während ich die Arbeit gemalt habe, habe ich sehr an Grenzen gedacht. Ich wollte damit eine Brücke zu Richards Arbeit schlagen.

DA: Bietet Dresden als Stadt einen Raum für Kreativität?

LP: Dresden ist auf jeden Fall leichter als andere Städte, um erst einmal anzufangen. Leider ist die Stadt sehr auf ältere Kunst fokussiert. Dadurch fließt das Geld vor allem in die touristischen Sehenswürdigkeiten. Es ist erst jetzt so, dass auch die zeitgenössischen Arbeiten mehr in den Vordergrund rücken. Dennoch ist es weiterhin sehr schwierig seine Arbeiten zu zeigen, da es zu wenige Offspaces gibt, in denen junge Kunst ausgestellt werden kann.


Ausstellungsansicht Kopf oder Zahl, Lisa Pahlke, Foto: Axel Schneider

DA: Du hast den kulturellen Treffpunkt Karambolage in Dresden gegründet. Inwiefern findest du alternative Ausstellungsorte für angehende Künstlerinnen und Künstler wichtig?

LP: Da es so wenig Raum gibt, haben sich in Dresden viele studentische Initiativen aufgebaut, die sehr gut funktionieren. Die Karambolage habe ich mit Freunden gegründet. Es kamen immer wieder viele bürokratische Schwierigkeiten dazu, weswegen wir sie wieder aufgeben mussten. Während sie geöffnet war wurde jedoch sehr deutlich, wie sehr solche Orte gebraucht werden. Dresden hat an der Stelle noch sehr viel Nachholbedarf. Ich merke eigentlich, dass ich Ausstellungen immer nutze, um wieder etwas dazuzulernen. Im Atelier wird nicht ersichtlich, ob die Arbeit auch in einem Ausstellungsraum gut aussieht. Von Ausstellung zu Ausstellung merke ich, welche Dinge ich noch verbessern könnte. Wenn es nur die großen Museen gibt, in die man nicht so einfach reinkommt, hat man keine Übungsmöglichkeiten. Gerade die Offspaces geben einem die Möglichkeit, sich auch mit anderen Künstlerinnen und Künstlern auseinanderzusetzen und auszutauschen.

DA: Aber eine Kunstszene ist trotz weniger Offspaces in Dresden jedoch schon existent?

LP: Sie ist da, aber es gehen sehr viele nach dem Studium weg, weil viele das Gefühl haben, dass Dresden eine Kleinstadt ist. Dann ist natürlich auch immer noch Pegida aktiv. Ich merke, dass ich schon gar nicht mehr gerne sage, dass ich aus Dresden bin. Das ist auch ein Grund dafür, weswegen ich denke, dass Künstler bleiben und zeigen müssen, dass die Mehrheit nicht wie Pegida denkt. Es ist wichtig, etwas entgegen zu setzen und nicht wegzugehen.

DA: Ist Pegida denn noch so präsent?

LP: Die Präsenz ist geringer geworden, dennoch gibt es immer noch Menschen, die montags demonstrieren. Es ist anstrengend, jeden Montag auf die Straße gehen zu müssen, um gegen Pegida zu demonstrieren. Einerseits hat man das Gefühl, es bringt nichts, andererseits muss ein Zeichen gesetzt werden. Ich glaube, dass deswegen auch weniger Menschen nach Dresden ziehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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