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Eine Reise in den kurdischen Irak

Was im MMK 3 wie ein großformatiger Comic erscheint, ist die detailreiche Serie und Reise des jungen Künstlers Richard Leue. Der Meisterschüler von Carsten Nicolai an der Hochschule für Bildende Künste Dresden bewegt sich zwischen Grafik und Musik, wagt sich ungehemmt an neue Disziplinen. Als Stipendiat der Jürgen Ponto-Stiftung hat er sich auf die Reise in das umkämpfte sogenannte kurdische Autonomiegebiet im Nordirak begeben, um dort künstlerisch festzuhalten, welche basisdemokratischen Auswüchse ein politisches Machtvakuum hervorbringen kann. Seine figurativen Zeichnungen zeigen Schicksale zwischen Ermächtigung und Gewalt.

Im Interview hat Richard Leue uns einen Einblick in seine eindrucksvolle Reise gegeben und erklärt, dass Kunst durchaus einen Zweck haben darf.

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Richard Leue, Durchs wilde Kurdistan, 2017, Foto: Axel Schneider

Ronja Gerstadt/MMK: Deine im MMK 3 ausgestellte Serie heißt „Durchs wilde Kurdistan“. Dafür bist du in deinem Stipendiumsjahr in das sogenannte kurdische Autonomiegebiet gereist, um dort für deine Arbeiten zu recherchieren. Wie bist du auf die Idee gekommen dorthin zu reisen? Kannst du uns etwas zum Hintergrund deiner Arbeit erzählen?

Richard Leue: Sven Wegner, ein befreundeter Journalist, hatte mir von seiner Idee erzählt, in das kurdische Autonomiegebiet zu reisen. Als ich das Stipendium erhielt, entschied ich mich ihn zu begleiten. Ursprünglich hatten wir die Idee in die Türkei zu fliegen und uns dort die kurdische Selbstverwaltung in den Städten anzuschauen. Das war aber aufgrund der bürgerkriegsähnlichen Situation dort nicht möglich. Daraus entwickelte sich die Idee in den Nordirak zu reisen. Dort haben sich eigene Organisationsstrukturen aufgebaut, die ermöglichen, dass Menschen vor Ort weiterhin arbeiten können. Wir bereisten das selbstverwaltete Flüchtlingslager Mahmour, um zu erkunden, wie sich die Strukturen dort errichten konnten. Ich hatte erst vor, seine Reise nur zeichnerisch zu begleiten. Die Idee zum Comic kam erst später.

Detailansicht_Richard_Leue_Durchs_wilde_Kurdistan_2017-5Richard Leue, Durchs wilde Kurdistan, 2017, Foto: Axel Schneider

RG: Während deiner einmonatigen Reise warst du gefährlichen Situationen ausgesetzt und bist Menschen begegnet, deren Alltag von Gefahr, Gewalt und Flucht geprägt ist. Demgegenüber hast du in der Flüchtlingssiedlung, in Mahmour, ein gefestigtes und basisdemokratisches System vorgefunden. War das paradox für dich?

RL: Das sich dort ausgebildete System hat sich aus diesem Alltag entwickelt. Um zu überleben, bauten sich die Menschen selbstverwaltende Strukturen auf. Dennoch ist es überraschend, so etwas in einer der momentan gefährlichsten Regionen der Welt vorzufinden. Das eigentliche Paradox besteht jedoch darin, dass den Daesh, so nennen die Kurden den Islamischen Staat, eine Organisation von Frauen gegenübergestellt ist, die sich aus demokratischem Gedankengut entwickeln konnte. Der europäische Feminismus bildet einen großen Kontrast zu den Frauenrechtsorganisationen im Kurdengebiet. In Europa geht es oft um das Individuum, während die Frauenorganisationen im Kurdengebiet gesamtgesellschaftlich ausgerichtet sind. Für mich zeigt dies einen Scheidepunkt zwischen Osten und Westen. Ich möchte unseren Individualismus nicht kritisieren, jedoch wurde mir dort bewusst, welche Unterschiede sich zwischen dem Osten und Westen auftun.

Ausstellungsansicht_Richard_Leue_Durchs_wilde_Kurdistan_2017-5Richard Leue, Durchs wilde Kurdistan, 2017, Foto: Axel Schneider

RG: Gibt es vereinzelte Erlebnisse, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?

RL: Ich würde von einer Kette von Erlebnissen sprechen. Durch den kontinuierlichen Austausch mit Menschen, hat die Zeit eine gewisse Intensität bekommen. Es haben sich in kürzester Zeit Freundschaften zu den Menschen vor Ort entwickelt. Ein konkretes Erlebnis kann ich gar nicht benennen. Ich habe mir vorher viele Gedanken über die Gefahren der Reise gemacht. Vor Ort wurde dieser Gedanke jedoch unwichtig. Hätte es einen Angriff auf das Flüchtlingslager Mahmour gegeben, wären wir die Ersten gewesen, die evakuiert worden wären. Die Menschen dort haben durchaus die Mittel sich zu wehren. Dadurch fühlten wir uns sehr geschützt und die Gedanken an Gefahren waren schnell verflogen. Wir fuhren teilweise durch Gebiete in denen nicht klar war, von wem sie kontrolliert wurden. Dort gab es schon eine gewisse Gefahr.

RG: Wie kamst du auf die Idee deine Erlebnisse in Zeichnungen bzw. in diesem Graphic Novel Stil festzuhalten? Ist es das zugänglichste Medium für dich?

RL: Ich finde, dass das vor allem das einfachste Medium ist. Ein Notizblock ist im Gegensatz zu einer Kamera sehr praktisch, wenn man unterwegs ist. Es ist natürlich viel Zeichenarbeit, aber ein Film hätte viel Schneidearbeit bedeutet. Mit dem Notizblock werden unnötige Kosten gespart und es existiert eine gewisse Unabhängigkeit von technischen Geräten.

Detailansicht_Richard_Leue_Durchs_wilde_Kurdistan_2017-3Richard Leue, Durchs wilde Kurdistan, 2017, Foto: Axel Schneider

RG: Deine Arbeiten sind häufig illustrativ, ursprünglich kommst du aus dem Grafikbereich. Du hast auch Plattencover gestaltet und tätowierst. Gibt es für dich eine Trennung zwischen angewandter und Bildender Kunst?

RL: Nein, die gibt es für mich nicht. Ich mache Gebrauchsgrafik mit dem Anspruch von bildender Kunst. Mich interessiert Gebrauchsgrafik als angewandte Kunst, aber nicht im Sinne ihrer Verwertbarkeit. Wenn ich ein Plattencover mache, dann nicht deshalb, weil ich dafür viel Geld bekomme. Ich gestalte meistens für befreundete Bands, Punk Bands oder Leute die mit ihrer Musik kein Geld verdienen. Ich designe die Cover, weil ich die Musiker schätze. Mein Anspruch ist da gewissermaßen wie der bildender Kunst. Ich würde jedoch in Frage stellen, ob es so etwas wie bildende Kunst gibt. Ich binde meine Kunst lieber in den Alltag ein, als sie in Galerien und Museen zu hängen. Das klingt jetzt vielleicht komisch, da ich im Rahmen dieser Ausstellung meine Arbeiten im Museum zeige. Das eine muss das andere nicht ausschließen. Das Museum dient in diesem Zusammenhang als Oberfläche. Wenn man eine Ästhetik schafft, sollte diese nicht nur einen Selbstzweck, sondern auch immer einen vermittelnden Aspekt enthalten. Die Kunst hat einen Vermittlungsauftrag.

RG: Um auf das Medium und Material zurückzukommen: Wendest du dich dem experimentell zu oder hast du vorher schon ein Konzept?

RL: Wie bei den im MMK 3 ausgestellten großformatigen Wandmalereien, gehe ich da sehr pragmatisch vor. Ich habe mich informiert, ob man großformatige Siebdrucke erstellen kann. Die Idee wurde dann aus Kostengründen schnell hinfällig. Die Malereien, die ich mithilfe von Projektionen angefertigt habe, sind die preiswerteste und schnellste Methode. Im Studium wurde uns dieser Pragmatismus abtrainiert. Als Professor mit einem beständigen Einkommen, ist dies leicht gesagt. Als Student kann man meistens kaum die eigene Miete bezahlen und begegnet an dieser Stelle einer anderen Realität.

RG: Du hast in Dresden an der Hochschule für Bildende Künste studiert und bist Meisterschüler bei Prof. Carsten Nicolai. Inwiefern ist Dresden eine Stadt die Raum für Kreativität bietet?

RL: Dresden schafft leider keinen Raum für Kreativität. Diese mangelnde Kapazität war auch einer meiner Beweggründe wegzuziehen. Seitdem pendele ich zwischen Dresden, Leipzig und Berlin. Ich bin aus Dresden weggezogen, weil es kein gutes Stadtklima bietet. Dazu trägt man natürlich nicht bei, indem man wegzieht. Die Reise wurde gemeinsam mit dem internationalistischen Zentrum in Dresden organsiert. Das ist ein Raum, der mit Flüchtlingen und der kurdischen Community zusammenarbeitet. Es ist wichtig, dass solche Räume existieren und dass Menschen in Städten wie Dresden etwas aufbauen. Leipzig bietet hingegen mehr Raum für Kreative. Es ist einfach an günstige und gute Räume zu kommen. Das ändert sich leider gerade durch den Hype um die Stadt. In Dresden haben seit der Wende die CDU und FDP regiert. Dadurch gibt es dort eine Politik, die eher wirtschaftsfreundlich ist und Kulturräumen nicht unbedingt die Tür geöffnet hat.

RG: Hast du in Dresden mit Lisa Pahlke schon zusammen gearbeitet? Oder seid ihr, wie hier in der Ausstellung präsentiert, wirklich zwei Seiten einer Medaille?

RL: Dresden und die Hochschule sind klein genug, dass man sich über den Weg läuft und kennt. Lisa ist sehr engagiert Kunsträume zu schaffen und an mehreren Projekten beteiligt. Ich habe aber mit der Off-Szene in Dresden relativ wenig zu tun, weil ich aus einer Subkulturecke komme. Ich habe zwar gelegentlich in Galerien tätowiert, aber in der Regel findet das nicht in Kunsträumen statt. Ich bin eher in der Punkszene verwurzelt. Mir ist immer wichtig, dass meine Kunst nicht als Kunst erkennbar sein muss. Sie darf ruhig als Gebrauchsgrafik wahrgenommen werden.

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