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Argentiniens unterrepräsentierte Kunstgeschichte

English version below.

Julieta Kemble kümmert sich in Buenos Aires um das Erbe ihres Vaters, dem argentinischen Künstler Kenneth Kemble. In den letzten zwanzig Jahren hat sie Publikationen mit seinen Schriften veröffentlicht und war an Ausstellungen zu Kemble beteiligt.Ihr Vater stand wie viele andere lokale Künstler für eine gemeinsame lateinamerikanische Kunst ein. Er versuchte gegen die Nachahmung europäischer und US-amerikanischer Kunstbewegungen in Lateinamerika anzukämpfen. Gemeinsam mit anderen Künstlern organisierte er 1961 die Ausstellung Arte Destructivo. In der Ausstellung A Tale of Two Worlds im MMK 1 sind Fotografien zur Arte Destructivo und seine Arbeiten Prohibido und Gran pintura negra zu sehen.

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Kenneth Kemble, gran pintura negra, Gran pintura negra, 1960, © Archivo Julieta Kemble, Foto: Axel Schneider

Im Interview spricht Julieta Kemble über das Erbe ihres Vaters, die Arte Destructivo Bewegung und darüber warum die Kunst Argentiniens im außerlateinamerikanischen Kontext immer noch verkannt wird.

Ronja Gerstadt/MMK: Hat dein Vater mit dir über die Arte Destructivo Bewegung gesprochen?

 Julieta Kemble: Die Arte Destructivo Ausstellung fand 1961 in Buenos Aires statt. Erst 1966 begann die Bewegung auch in Städten wie London. In den 1960er-Jahren haben sich viele Künstlerinnen und Künstler zu Kollektiven zusammengeschlossen. Die künstlerische Arbeit war damals viel mit Spaß verbunden. Ich denke, das ist etwas, das heute oft fehlt. Dies ist auch dem aktuellen Markt geschuldet, der Künstlerinnen und Künstlern nur wenige Möglichkeiten bietet. Damals war die Kunst sehr experimentell, neu und provokativ. Selbstverständlich wurde dieser neue Umgang mit Kunst in Argentinien nicht direkt angenommen. Viele empfanden es als beleidigend, dass die Künstlerinnen und Künstler Schrott als Material benutzten.

RG: Hängt die Bewegung mit der gesellschaftlichen Situation Argentiniens in den 1960er-Jahren zusammen?

JK: Die Zerstörung war auf jeden Fall ein Ausdruck für die Geschichte und damalige Gegenwart. Das Aufkommen der Selbstzerstörung und nuklearer Macht spielten ebenso eine Rolle. Ich glaube, dass es Argentiniern immer noch sehr schwer fällt, im Ausland als Gemeinschaft aufzutreten. Die Ausstellung hat auch jetzt eine nachhaltige Wirkung auf die künstlerische Praxis der Gegenwart. In der Bewegung spiegelt sich der gesellschaftliche Zustand des damaligen Argentiniens wider. Argentinien kann weder mit Brasilien noch mit Mexiko mithalten. Diese Länder haben alle eine wichtige Künstlergemeinschaft. Argentinische Kunst ist nicht sehr bekannt, so dass wir immer noch nach einer Daseinsberechtigung suchen. Die meisten Künstler bekommen wenig Unterstützung von den Institutionen und von der Regierung.


Kenneth Kemble, Enrique Barilari, Jorge López Anaya, Jorge Roiger, Antonio Seguí, Silvia Torrás, Luis Wells (exhibition Arte Destructivo), Photographic record, audio and text of the exhibition Arte Destructivo, Galería Lirolay, Buenos Aires, 1961, Colección Julieta Kemble, © Archivo Julieta Kemble

RG: Also müssen die Künstlerinnen und Künstler ihren Lebensunterhalt anderweitig sichern?

JK: Die Künstler machen ihre Arbeit aus Liebe zur Kunst und nicht weil es sie finanziell vorwärts bringt. Es gibt jedoch einige argentinische Künstlerinnen und Künstler, die sich dazu entschieden haben im Ausland zu arbeiten. Sie wanderten nach Europa oder New York aus und wurden dort sehr erfolgreich.

RG: Kannst du das ein wenig erklären?

JK: Wir führen den Autokolonialismus gewissermaßen fort und denken, dass die Welt im Ausland viel besser ist. Nach Außen agieren wir nicht als geschlossene Gemeinschaft. Das ist ein großer Unterschied zu den Brasilianern und Mexikanern. Sie trauten sich früh ihre Kunst auch im Ausland zu präsentieren und wurden außerhalb ihrer lokalen Örtlichkeiten bekannt. Indem sie ihre Wertschätzung gegenüber ihrer eigenen Kunst öffentlich zeigten und auch in Auktionen ihre Kunst kauften, schufen sie eine Wichtigkeit für sich selbst.

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RG: Kannst du etwas über dich erzählen und warum du dich um das Erbe deines Vaters kümmerst?

JK: Als mein Vater noch lebte, studierte ich. Er starb an Krebs. Ich wuchs als Einzelkind auf und habe eine Halbschwester in Nordamerika. Daher fiel die Entscheidung leicht, sich um sein Werk zu kümmern. Ich stand meinem Vater sehr nahe und hatte immer das Gefühl, dass er etwas Bedeutsames tut. Ich kümmere mich jetzt schon seit 20 Jahren um das Archiv meines Vaters. In der Zwischenzweit habe ich Bücher veröffentlicht und Ausstellungen gemacht, um der Welt die Arbeiten von Kenneth Kemble zu zeigen. Ich bin sehr glücklich, die Besitzerin des Kenneth Kemble Archivs zu sein. Mein Vater war ein Neurotiker und hat selbst ein Archiv für seine Arbeiten angelegt. Er hat immer alles sofort archiviert und nach Reihenfolge und Kontext geordnet. Ich kann mir vorstellen, dass ihm bewusst war, dass die Arbeit für später wichtig sein wird. Es ist, als ob ich ein eigenes Museum besäße. Mein Vater war auch Theoretiker, er schrieb eigentlich mehr als er malte. Er war Journalist für den Buenos Aires Herald und ein Provokateur. Wenn Kuratoren mit einer neuen Idee aus den USA zurückkamen, stellte sich mein Vater immer quer. Ihm war es wichtig, die eigene Geschichte zu nutzen und andere nicht zu kopieren. Das hat er häufig auch in seinen Arbeiten thematisiert. Mit seinem Widerstand war Kemble jedoch wenig erfolgreich. Mein Vater verließ das Land dennoch nie. Er versuchte vielmehr eine Gemeinschaft aus Galeristen, Sammlern, Museen und Künstlern zu gründen, um die argentinische Kunst auch nach Außen tragen zu können. Dies gelang ihm jedoch nicht. Er ist in Argentinien geboren, war jedoch englischer und deutscher Herkunft. Es wäre ein Leichtes für ihn gewesen, einen anderen Reisepass zu erwerben und im Ausland erfolgreicher zu sein. Stattdessen entschied er sich zu bleiben und weiter zu kämpfen. Er interessierte sich nicht für die Szene und hegte ein ernsthaftes Interesse an der Kunst.

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RG: Warum glaubst du, dass ein Dialog zwischen europäischer moderner Kunst und lateinamerikanischer experimenteller Kunst wichtig ist?

JK: Der Dialog zeigt den Europäern, dass es keine großen Unterschiede zwischen lateinamerikanischer und europäischer Kunst gibt. Er ist auch insofern wichtig, als dass selbst die Argentinier nicht verstehen, dass ihre Kunst von großer Bedeutung ist.

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Argentina’s marginalized art history

Julieta Kemble takes care of the heritage of her father, famous Argentinian artist Kenneth Kemble. In the last 20 years she published books with Kembles writings and took part in organizing many exhibitons with works of Kemble. Like many other artists of the 1960ies her father was interested in founding an own art history for Argentina. He tried to show the value of Argentinian art and was against the imitation of European and US-American art, which were often reproduced by Argentinian artists. In 1961, together with other artists, he organized the exhibition Arte Destructivo. In the exhibition A Tale of Two Worlds in the MMK 1 pictures of the collective exhibition of 1961, the installation prohibido and the painting gran pintura are on display.

In an interview with MMK Notes Julieta Kemble talks about the heritage of her father, the Arte Destructivo movement and why Argentinian art is still unrecognized abroad.

Ronja Gerstadt/MMK: Did your father talk about you about the movement he was part of in 1961?

Julieta Kemble: The Arte Destructivo exhibition was shown in 1961 in Buenos Aires. In 1966 the movement came also to other parts of the world, like London. In the 1960ies many artists formed collectives. At that time making art was way more connected to fun. I think that is something, that is missing now which is also because there is no market for artists. Back in those days art was experimental, provocative and new. Obviously for many people the movement was strange at first sight. Many were offended by artists using trash as material.

RG: Is there any connection between the movement and the situation of the society back then?

JK: The destruction was an expression of Argentinian History and the present back then. It was also related to the world threat of the nuclear bomb and the self destruction. I think, that it is still a problem for Argentinians to present theirselfes as a community abroad. The movement still has an effect on present art. In the movement there is an idea of how the Argentinian situation was back then. Argentinia is not like Brasil or Mexico. Those countries have built important artist communities. Meanwhile Argentinan art is barely known. We’re still searching for a reason to exist. Most artists are not supported by institutions or by the government.

RG: So artists have to look out for theirselves when it comes to financial questions?

 JK: Artists who are staying in Argentinia do art because oft their love in art, not because they earn money. There are some Argentinian artists which decided to go abroad. They went to Europe or New York and became quite successfull. For artists it’s quite a disadvantage to live in Argentinia. You can still feel how we are affected by colonialism.

RG: Could you explain that?

JK: In a way we’re still following the autocolonialism. We’re thinking that the world abroad is better. We don’t act like a community. That’s a big difference compared to Brasilians and Mexicans. They managed to be known outside of their countries. They showed their appreciation towards their own art for example in buying it. In this manner they could show the rest of the world their importance.

RG: Could you tell more about yourself and why you started taking care of the heritage of your father?

JK: When my dad was alive I studied. He died because of cancer. I am an only child and a have a half sister in Northamerica. I decided to take care of his work. It is something you don’t really have to think about. I was really close to my dad and I knew that what he was doing was important. And now I’ve been doing this for 20 years, and it’s been a lot of work. Publishing books, doing exhibitions, trying to show Kembles to the world from the end of the world. I am the daughter of Kenneth Kemble Smith and I am really glad of that and I am the owner of the estate and archive of Kemble Smith. The archive is something really rich, because my dad was obsessed with ordering things. I didn’t have to do a lot, because the work was made by him. He was not a bohemian who was throwing everything away. He put all the folders with the work at year by year and article by article. He kept everything about him and his context. And I can imagine that he knew that what he was doing was important. And that’s amazing. It’s like I have a museum on top of me. He was very provocative. He did what he thought. When he saw that the directors of the museums came back from the States with a formule of what to do, my father was the first one to say: No way, we have our own story, let’s not copy, let’s not try to be similar to others. He had the plan to have a community of gallerists, collectors, museums, artists and to form a group. He was not successfull at all. The collectors in Argentina thought about themselves and were very selfish. My dad was english, he was born in Argentinia, but his family was german and english. So if he wanted he could have gotten the passport and gone to another country, but he wouldn’t. He decided to stay in Argentina. He thought that there was a fight that had to be done.

RG: In how far would you say, that it is important to have a dialogue between European modern art and Latin American experimental art?

JK: The dialogue is for people from Europe to understand that we don’t have any difference. But the first that doesn’t respect the grandiosity of our artists in Argentinia are our own Argentinians.

 

 

 

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