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Wie Arbeit Identität formt

large_weinraubLeilah Weinraub, still from SHAKEDOWN, 2017. Digital video, color, sound; runtime unknown. Courtesy the artist

English version below.

Leilah Weinraub ist Filmregisseurin und frühere CEO des Unisex Modelabels Hood by Air. In ihrem Film Shakedown, des gleichnamigen von lesbischen, afro-amerikanischen Frauen betriebenen Stripclubs in Los Angeles, hinterfragt sie Arbeits- und Identitätskonzepte.Weinraub studierte am Bard College in New York und arbeitete als Assistentin für den Filmemacher Tony Kaye. Gemeinsam mit Will Benedict, dessen Arbeit I AM A PROBLEM (T.O.D.D.) Titelgeber der Ausstellung im MMK 2 ist, war sie am 14. Dezember 2017 zu Gast beim MMK Talk. Beide aufgewachsen in der von Hollywood geprägten Metropole Los Angeles, diskutierten über ihre Arbeiten und Filmproduktionen in Zeiten von Netflix, HBO und Youtube. Der Talk ist ab jetzt auf dem MMK Youtube-Kanal verfügbar.

Im Interview spricht Leilah Weinraub über Arbeit als Identitätsstifter, ihr Wirken beim Label Hood by Air und ihre weiteren Pläne.

Damla Arican/MMK: Du hast über mehrere Jahre hinweg Filmmaterial in dem Stripclub Shakedown gesammelt. Kannst du etwas zum Hintergrund deines Films erzählen?

Leilah Weinraub: Es geht darin vor allem um Utopien und Arbeit. Zu Beginn der Produktion arbeitete ich mit einem Dokumentarfilmer-Paar zusammen, das viele linke Filme produziert hatte. Ihre Filme beschäftigen sich vorgängig mit Arbeit und dem Konzept des „Amerikanischen Traums“. Diese Geschichten haben mich sehr bewegt. Einer ihrer ersten Filme, den sie im College gedreht haben, handelt von Arbeitsprozessen, von Arbeit als Tätigkeit, aber auch als Identitätsformer. Mein Film setzt sich mehr mit dem Konzept der Arbeit als mit Geschlechterkategorien auseinander. Ich denke, dass Identitätsfragen maßgeblich durch die Arbeit geprägt werden. Mein Interesse galt vor allem dem Club als Wirtschaftssystem. Der Film handelt letztendlich von einer Bargeldwirtschaft, und meine Fragen in den Interviews mit den Tänzerinnen drehen sich um die Tätigkeiten im Shakedown. Etwa: Was genau tust du und wie fühlst du dich dabei?

DA: Du gehst also von Arbeit als etwas aus, das Identität formt oder von Identität, die durch Arbeit missbraucht wird? Ist Gender dann eine Subkategorie?

LW: Ich denke, es ist beides. Der Film behandelt Geschlechterkategorien insofern, als dass es um Performance geht. Gender ist im Falle des Films gewissermaßen Performance und dient in dem Zusammenhang eher einer Kritik.

DA: Wie erlebst du den Umgang mit Geschlechterkategorien und -normen in den USA?

LW: Ich glaube, dass die Menschen sich sehr mit diesen Themen beschäftigen. Viele identifizieren sich damit. Es ist aktuell ein wichtiges Thema. Ich habe, wenn ich mich mit diesen Konzepten auseinandergesetzt habe, auf körperliche Fähigkeiten, Klasse, Rasse und Geschlecht geschaut. Durch den öffentlichen Diskurs denken die Amerikaner viel darüber nach, wie die Konzepte von Geschlecht und Identität heute umgesetzt werden können.

DA: Hattest du von Anfang an vor mit deinem Videomaterial einen Film zu machen und welchen Einfluss hatte dabei deine frühere Zusammenarbeit mit Tony Kaye, dem Filmregisseur des Dokumentarfilms American History X.

LW: Zunächst habe ich Videos gedreht ohne festzulegen, wann ich damit aufhören würde. Ich hatte nicht die Intention, einen Film daraus zu machen. Die Entscheidung ist spontan gefallen. Tony Kaye war hilfreich und gab mir Ratschläge. Zum Beispiel, dass der Zeitplan des Films mit dem Narrativ übereinstimmen muss.

DA: Du hast als CEO für das Unisex Modelabel Hood by Air gearbeitet, welches sich jenseits von abgeschlossenen Geschlechterkategorien bewegt. Derzeit legt das Unternehmen eine Pause ein. In einem Artikel habe ich gelesen, dass ihr die Arbeit am Label vorläufig beendet habt, weil das Gefühl bestand, dass sich Mode darauf reduziert, Fantasien zu verkaufen und Teil der kommerziellen Industrie zu sein. War das wirklich der ausschlaggebende Grund?

LW: Die negativen Seiten der Modeindustrie waren uns immer bewusst. Der Punkt war, dass man immer auf einem hohen Niveau auf dem Markt funktionieren muss. Wir wollten definitiv ein erfolgreiches Label. Ich glaube mehr, dass wir eine Pause brauchen, um uns neu zu organisieren. Es gibt eine allgemeine Idee davon, dass Erfolg damit verbunden ist, nach einem bestimmten Zeitplan zu arbeiten. Wir hatten das Bedürfnis, selbst zu entscheiden, wann weiter gemacht und wann pausiert wird. Für mich ist Hood by Air ein konzeptuelles Projekt. Wenn man sich nur auf die kommerziellen Aspekte konzentriert, können sich die Konzepte stark verändern. Die Idee von Hood by Air ist wichtig, spezifisch und stark. Ich denke, ich wollte mich erst einmal mehr darauf konzentrieren, Filmregisseurin zu sein, und sehen, ob das ein Konzept ist, für das die Welt bereit ist.

DA: Ist Mode deiner Meinung identitätsformend?

LW: Jede Saison gibt es neue Designs, die Leuten eine neue Idee davon präsentiert, was man trägt und wonach sie leben sollen. Das ist der spaßige Teil der Mode. Alles passiert sehr schnell und doch konstant.

DA: Letztendlich gibt es keine nicht-kommerzielle Form von Mode …

LW: Es gibt auch keine unkommerzielle Form von Kunst. Ich wollte, dass Hood by Air ein erfolgreiches Unternehmen ist. Genauso möchte ich, dass Shakedown Erfolg hat. Ich habe kein Problem damit, Teil einer Wirtschaft zu sein. Es geht auch darum, wofür Menschen sich interessieren. Viele waren sehr interessiert an der Geschichte und den Machern von Hood by Air. Das macht Menschen rezeptiver für die Marke. Film ist ein offeneres Konzept. Menschen möchten auf emotionaler Ebene erreicht werden. Das ist die Aufgabe der Person, die einen Film macht.

DA: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

LW: Mein Film wird 2018 weltweit auf Tour sein. Auf Festivals, in Museen, in Kunstzentren und in Kinos. Die Version die auf der Whitney Biennale gezeigt wurde, war nicht die Kinofassung. Es ist einfach, eine aufgeladene Bildsprache zu nutzen, wenn es darum geht, die Kulturszene abzubilden. Aber es geht mir um simple Dinge, darum, eine grandiose Geschichte zu erzählen, die Menschen emotional erreicht und in dieser Form noch nie zuvor gezeigt wurde. Und was mich motiviert hat, waren die großartigen Menschen, die im Shakedown gearbeitet haben.

 

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Leilah Weinraub is a filmdirector and former CEO of the unisex fashion label Hood by Air. Her movie Shakedown, which is the name of an earlier Stripclub in Los Angeles, questions work and identity concepts. Weinraub studied at Bard College New York and worked as an assistant for Tony Kaye. Together with Will Benedict, whos work I AM A PROBLEM (T.O.D.D.) is eponymous for the exhibition in MMK 2, they were guests at MMK Talks. Both born and raised in Los Angeles, the city of Hollywood, discussed about their works in times of Netflix, HBO and Youtube. The full talk is available now on the MMK Youtube channel.

In our interview Leilah Weinraub talks about how work is forming idenditity, her work as a CEO at Hood by Air and her upcoming projects.

Damla Arican/MMK: You collected a lot of video material in the Los Angeles based Stripclub Shakedown. Can you tell me a little bit about the backround of your movie?

Leilah Weinraub: It is more about utopia and also about labour. When I first started making the movie, I was working for a couple that were documentary filmmakers which had done a lot of left orientated films. All of their work was labour oriented and specialized on communists. It was really about american labour or the concept of the american dream and I was really moved by those stories. One of their early films they did in college, was about the process of labour. It’s really just watching what people do and how identity is formed by labour and life becomes formed through work. The film I guess has roots more in questions about labour than in questions about gender. Identity questions really come from work rather than other identity politics that are surrounding gender. My interest was more around economies than work and I was interested in that while Shakedown, because it’s more like a cash economy and my original question, when I was doing interviews was about work: Explain me what you do and how do you feel about it?

DA: So you mean labour as something forming identity or identity used for labour? And gender is a subcategory?

LW: Both, I guess. Since the film is about performance, gender is just like a starting point. Gender is talking about the performance, so it was deeply criticized.

DA: Would you say that people in the U.S. are concerned about these gender and identity categories?

LW: Yeah, I think people are really excited about it. It’s just something that people are really identified with. It is an important question right now. I think originally when I looked at those topics I looked at physical ability, class, race and gender. I think as Americans have a popular conversation about it, they are able to exercise those concepts to.

DA: So your idea for the film came up with your question about labour as it forms identity. I read that in the beginning you took videos from the dancers for private motives.

LW: I just went through the process not having an end date. I just took my time. I didn’t purpose intentions in making a film. When I decided it’s time, it completed.

DA: Did you have the idea to make a movie from the beginning? And which influence did your assistance with Tony Kaye, the director of American History X,
have

He was helpful, for sure. He also let me know that the movie has to work on the same time schedule like the narrative. Tony adviced me.

DA: You worked as a CEO for the unisex fashion label Hood by Air, which breaks with conventional genderconcepts. Right now it is put on hiatus. In an article I read that one of the reasons was that you were concernced about selling fantasies to people and that in the end fashion is a commercial industry. Was that the reason to pause the label?

LW: We always knew that we are working in a commercial industry. The point was to function at a high level in that marketpalce. We definitely wanted it to be successfull. I think that we needed a pause to reorganize. There is some imposed idea about success, like a timeline that people should work on and that took a long time. And it was about the ability to choose to say stop or ghost, too. To me Hood by Air was always a conceptual project. It was about so many different things. Sometimes when you are focusing solely on the commercial aspects, your concepts can be altered. The concept of Hood by Air is so important, specific and strong and it has only to be that. I think that I wanted to focus on being a director and see if that’s a concept that the world is ready for.

DA: Is Fashion also forming identity?

LW: Each season you deliver people new items. Every six months you give people a new set of ideas that people live by and that’s the fun part of fashion. The cycle is very fast. It happens all constantly.

DA: In the end there is no non-commercial way of fashion…

LW: There is no non-commercial way of art either. I wanted Hood By Air to be a successfull business. I want Shakedown to be a successfull film as well. I don’t have any weird issues about participating in an economy. It’s also about what are people concerned about. People were really interested in the story and makers of Hood By Air. That made people more receptive for the collections. Film is more an open concept. People want to be hit with new feelings and that also is a task to who is making it.

DA: Do you have any upcoming plans?

LW: First my film will be on tour in 2018 worldwide. At festivals, museums and art centres and in the end it will be in theatres, too. The version at Whitney was a special version that wasn’t a theatrical version. It’s really easy to use a language that is loaded, it is something that people use a lot in terms of digesting art culture. But there is a few really simple things I look at and that is telling an awesome story, that you can feel. And something that wasn’t shown like that before. I was motivated to do that because the people that worked at Shakedown are so amazing. It’s about making that hit.

 

 

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