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5 Fakten über Arthur Bispo do Rosário

Mit großer Akribie nähte der brasilianische Künstler Arthur Bispo do Rosário verschiedenfarbige, rechteckige Stoffstücke aneinander und bestickte sie mit Namen von Orten und Personen oder Zahlen. Der Objektkünstler verwendete für seine Arbeiten vorgefundenes Material wie Kleidungsstücke, Garn, Metallstangen und Knöpfe. In der Ausstellung A Tale of Two Worlds treten Werke der Sammlung des MMK und experimenteller Kunst Lateinamerikas in Dialog. Bispo do Rosário wird hier unter anderem Alghiero Boetti gegenübergestellt.

Links: Arthur Bispo do Rosário, Merendeira Cor-de-rosa (Rose Colored Lunch Box) (Undatiert), © Museu Bispo do Rosário Arte Contemporânea, Foto: Axel Schneider, Rechts: Arthur Bispo do Rosário, Sireno de Jesus, Escrevente (Undatiert), © Museu Bispo do Rosário Arte Contemporânea, Foto: Axel Schneider

1. Er handelte im „göttlichen Auftrag“

Bispo do Rosário hat sich selbst nie als Künstler betrachtet. 1938 begann er zu glauben, ihm seien Engel erschienen, um ihn als den neuen Christus „auszuwählen“. Kurz danach wurde er zum ersten Mal in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Die Diagnose: Schizophrenie. In der Klinik fing er nach einiger Zeit an, Gegenstände in Reihen anzuordnen, Listen von Namen zu sticken und Miniaturen zu schaffen. Für ihn war das keine Kunst. Er hielt die Welt um sich herum für das Jüngste Gericht und dachte, er habe mit seinen Arbeiten einen Auftrag zu erfüllen.

2. Er schuf seine Materialien aus Stoffen

Die meiste Zeit seines Lebens hat der Künstler in der psychiatrischen Klinik Colônia Juliano Moreira am Rande von Rio de Janeiro verbracht. Um seine Werke zu realisieren, hat er zum Beispiel Klinikkleidung zerfasert, um daraus Garn für die Stickereien zu gewinnen. Meistens hat er mit Stoffen und Materialien gearbeitet, die er zufällig fand, geschenkt bekam oder mit anderen Patienten und Besuchern austauschte.

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Arthur Bispo do Rosário, Cartolinas (Posterboard), © Museu Bispo do Rosário Arte Contemporânea, Foto: Axel Schneider

3. Lange Zeit blieb der Künstler unentdeckt

Bispo do Rosário hat Jahrzehnte in Räumlichkeiten gelebt und gearbeitet, in die nur wenige Menschen Einblick hatten. 1980 zeigte ein Beitrag des brasilianischen Fernsehens die schlechten Lebensbedingungen der Bewohner der Colônia Juliano Moreira – unter ihnen war Bispo do Rosário erstmals öffentlich bei der Arbeit zu sehen. Das Interesse von Kunstkritikern und Spezialisten war groß und 1982 folgte die erste Ausstellung seiner Arbeiten im Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro. Er selbst war nicht an der Kunstwelt interessiert und hat Einladungen zu Ausstellungen oft abgelehnt. Erst nach seinem Tod 1989 hat die Zahl der Ausstellungen und Publikationen zugenommen. Internationale Aufmerksamkeit erlangten seine Arbeiten erstmals 1995 im brasilianischen Pavillon der 46. Biennale von Venedig.

 

 

Links, Arthur Bispo do Rosário, 8.034 – Butões para Paletó, Sobretudo, Pereline (8.034 – Buttoms for Blazer, Cote, Pereline), © Museu Bispo do Rosário Arte Contemporânea, Foto: Axel Schneider, Rechts: Arthur Bispo do Rosário, Vitrine Fichário (Index card vitrine), © Museu Bispo do Rosário Arte Contemporânea, Foto: Axel Schneider

4. Er lies sich nie helfen

Bispo do Rosário hat nie, wie häufig behauptet wird, die Workshops von Nise da Silveira (1905-1999) besucht. Die berühmte Psychiaterin hat seit den 1940er-Jahren für bessere Behandlungskonditionen in psychiatrischen Kliniken in Brasilien gekämpft, unter anderem indem sie das Kunstschaffen von Patienten gefördert hat*. Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Nises Workshops wurden oft im Kontext der Art Brut oder Outsider Art in Ausstellungen in Brasilien und im Ausland gezeigt. Bispo do Rosário begab sich jedoch nie in kunsttherapeutische Behandlung und hat Nise nie kennengelernt. Darin zeigt sich seine Selbständigkeit und Einzigartigkeit – und macht ihn zu einem Außenseiter, sogar unter Außenseitern.

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Arthur Bispo do Rosário, Tabuleiro de Xadrez (Chessboard), © Museu Bispo do Rosário Arte Contemporânea, Foto: Axel Schneider

5. Das Museu Bispo do Rosário Arte Contemporânea

Bispo do Rosário wird immer mehr im Kunstkontext anerkannt und gewürdigt, obwohl seine Zuordnung in der Kunstgeschichte noch diskutiert wird. Verglichen wurde sein Werk mit Duchamps Ready Mades, Armans Assemblagen und jetzt im MMK 1 mit Boettis systematischer Auflistung auf Stickereien. Heute befindet sich in der ehemaligen Colônia Juliano Moreira ein Museum für zeitgenössische Kunst, das 2002 in Museu Bispo do Rosário Arte Contemporânea umbenannt wurde. Ein umfassender Catalogue Raisonné mit seinen mehr als 800 Arbeiten wird momentan dort erarbeitet und soll demnächst veröffentlicht werden.

* Die bahnbrechende Arbeit von Nise da Silveira wurde 2016 im Biopic Nise: The Heart of Madness gezeigt.

Ein Beitrag von Laura Teixeira

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Ausstellungsansicht: A Tale of Two Worlds, Fotos: Axel Schneider

 

 

 

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