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Die Kneipe am Ende der Straße

Im Jahr 2001 verschwand in Saarbrücken auf unerklärliche Weise ein fünfjähriger Junge. Verdächtigt wurden die Wirtin und Stammgäste der örtlichen „Tosa-Klause“. Der Fall wurde von etlichen Medien aufgegriffen, Bilder der Kneipe kursierten in diversen Zeitungen.
Thomas Demand baute für seine Foto-Serie Klause (2006) den Medienschauplatz nach. Seine Rauminstallation bildet den Auftakt der Ausstellung Image Profile. Aspekte des Dokumentarischen in der fotografischen Sammlung des MMK (23.3. – 15.7.2018). Die Schau zeigt ein breites Spektrum aktueller Ausdrucksformen von gesellschaftspolitischer Reportagefotografie bishin zu Aspekten subjektiver, konzeptueller oder inszenierter Fotografie. 

Beim Betreten der neuen Ausstellung Image Profile im MMK 2, ist der Betrachter als Erstes mit einer irritierenden, weil abweisenden, Situation konfrontiert: Das Sichtfeld wird durch einen ver­schlossenen, mit Holzlatten verrammelten Hauseingang, beschränkt. Es handelt sich dabei um eine großformatige Fotografie aus der fünfteiligen Foto-Serie Klause (2006) von Thomas Demand. Seine Fotografien erstrecken sich auf einer, eigens vom Künstler konzipierten Architektur, die das rudimentäre Gerüst ei­nes Gebäudes – die titelgebende Klause – bildet und damit letztlich die Illusion eines unabhängigen Raumes im Ausstellungsraum evoziert. Entlang der Architektur, die U-förmig angelegt und eine Außen- und Innenseite besitzt, werden die weiteren Fotos präsentiert, die mal eine von Efeu überwucherte Hausfassade, mal den Ausschank­raum mitsamt Thekenbereich und Girlanden-Dekor zum Thema haben. Dane­ben sind kleinformatigere Fotografien einer vertrockneten Yukka-Palme und der Putz- und Abstellraum der Klause zu sehen. Bemerkenswert ist die strenge räumliche Aufteilung der Fotografien: Innerhalb der Architektur sind die Innenaufnah­men der Klause aufgeführt, während auf der Außenseite die genannte Eingangs­tür und die Efeu-Fassade zu sehen sind, womit die klare Absicht des Künst­lers einer simplen, aber umso effektiveren Mimikry eines realen Raumes deutlich wird. Unabhängig von der räumlichen Aufteilung haben alle Fotografien etwas ge­mein, nämlich die Abwesenheit ihrer Bewohner. Es sind weder Gäste noch die Betrei­ber der Klause ausfindig zu machen, stattdessen mutet die Szenerie seltsam verlassen, gar gespenstisch an. Es sind keinerlei Spuren vom alltäglichen Geschäftsbe­trieb zu erkennen, wie beispielsweise volle Aschenbecher oder leere Biergläser. Spätestens an diesem Punkt kollidiert die vorurteilsbehaftete Vorstellung einer Klause, im Sinne einer entlegenen etwas heruntergekommenen Kneipe mit der von Demand präsentierten sterilen Räume, die zwar die typischen Zeichen dieses öffentlichen (Rückzugs-)Ortes vorweisen, jedoch in ihrer Summe nicht vollständig diesem Stereotyp entsprechen.

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Thomas Demand, Klause II, 2006, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Axel Schneider

Die räumliche Einbindung der Besucherinnen und Besucher beim Betrachten seiner Fotografien ist ein essentieller Bestandteil von Demands künstlerischer Strategie. Die Orte, die der Künstler den Betrachtern präsentiert, sind nicht anonym, sondern waren von großem öffentlichem Interesse und mögen manchem Besucher seltsam bekannt vorkommen. In diesem Fall handelt es sich um die sogenannte „Tosa-Klause“, die Anfang der 2000er Jahre erstmals im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stand und eine breite mediale Berichterstattung erfuhr.

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Thomas Demand, Klause III, 2006, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Axel Schneider

Die besagte Gaststätte lag im Saarbrücker Problemviertel Burbach, wo vermutlich jahrelang in einem Hinterzimmer ein kleiner Junge missbraucht wurde. Die vermeintlichen Täter, die Gastwirtin und ihre Stamm­gäste – allesamt Außenseiter der Gesellschaft, wurden angeklagt und in einem jahrelan­gen Schauprozess durch die Medien vorverurteilt. Ein endgültiges Urteil kam jedoch nicht zustande, da der Körper des vermissten Jungen unauffindbar war und die Angeklagten sich in widersprüchliche Aussagen verwickelten. Der Prozess musste letztlich mangels tatkräftiger Indizien abgebrochen werden, sodass es zu keiner­lei Verurteilung kam. Der gesamte Missbrauchsfall mitsamt den dazugehörigen Fo­tografien der Angeklagten und des vermeintlichen Tatorts, der Tosa-Klause, sind mittlerweile Teil unseres kollektiven Bildgedächtnisses.

Thomas Demand, Rechts:  Klause IV, ; Links: Klause V, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Fotos: Axel Schneider

Abseits der tragischen Dimension interessiert sich Thomas Demand um die mediale Berichterstattung des Falls, insbesondere um die in der Presse publizierten Fotogra­fien, die eine heruntergekommene Kneipe als den vermeintlichen Ort eines grausa­men Missbrauchsfalls inszenierten und damit maßgeblich die öffentliche Meinung zum Prozess beeinflussten. In der für ihn typischen Vorgehensweise zieht Demand diese Fotografien heran, um die abgebildeten Räumlichkeiten mittels Pappe und Pa­pier im Maßstab 1:1 als dreidimensionale Modelle zu rekonstruieren und sie dann in einem weiteren Arbeitsschritt abzufotografieren und sie damit wieder in die Zweidimensio­nalität des fotografischen Mediums zu überführen. Die erstellten Mo­delle werden im Anschluss vom Künstler zerstört, sodass als eigentliches künstleri­sches Erzeugnis Bilder erhalten bleiben, die durch ihre offensichtliche Artifizialität nur noch ein fernes Echo der ursprünglichen Fotografien darstellen. Die architektonische Einbindung der Bilder ermöglicht dem Ausstellungsbesucher nun die räumliche Erschlie­ßung eines Ortes, der zuvor nur aus der Distanz, in Form von Presse- und TV-Bilder, zugänglich war. Die bildinhärente Abwesenheit von Personen – sozusa­gen eine Leerstelle – wird durch die Ausstellungsbesucher ausgefüllt, deren Wahrneh­mung hinsichtlich der abgebildeten Räumlichkeiten und dem daraus abgeleite­ten moralischen Urteil auf den Prüfstand gestellt wird.

 

Ein Beitrag von Sergey Harutoonian (Assistenz Sammlungsleitung)