knowing

„Where is Ana Mendieta?“

Über die Lebendigkeit von Ana Mendietas Arbeiten in der Ausstellung A Tale of Two Worlds

Körper und Natur sind die Hauptelemente in Ana Mendietas Videoarbeiten. Die Künstlerin beschäftigt sich in ihrem Werk mit gesellschaftlichen Thematiken, wie beispielsweise der Vergewaltigung einer Studentin. In der Ausstellung A Tale of Two Worlds – Experimentelle Kunst Lateinamerikas der 1940er- bis 80er-Jahre im Dialog mit der Sammlung des MMK ist eine große Auswahl ihrer Videoarbeiten im MMK 1 zu sehen. Aufgewachsen in den USA und in Kuba, spiegelt sich im Oeuvre der Künstlerin ein eigener Dialog von zwei Welten wider. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der University of Minnesota arbeiteten kürzlich die Filme der Künstlerin auf, und stellen die Ergebnisse nun in verschiedenen Institutionen aus.

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Ana Mendieta, filmstill from Body Tracks, 1974, Courtesy Galerie Lelong & Co., © The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC

“Where is Ana Mendieta?” diese Frage wird in der Kunstszene, wie von Feministinnen und Feministen seit 1985 immer wieder gestellt. Sie kommt immer dann auf, wenn wie beispielsweise zuletzt in Deutschland – 2016 – im Hamburger Bahnhof der Minimal- und Land Art Star Carl Andre mit einer großen Retrospektive gefeiert wird, ohne sein Leben oder seine Rolle in der Kunstgeschichte kritisch zu reflektieren. 1985 stürzte Ana Mendieta während eines Streits mit ihrem damaligen Lebensgefährten Carl Andre aus dem 34. Stockwerk ihrer gemeinsamen Wohnung in New York. Die Hintergründe sind ungeklärt, der Prozess wurde abgebrochen, Carl Andre freigesprochen.

Carl Andres Bedeutung für die Kunstgeschichte soll durch den ehrlichen Umgang mit der offenen Frage „Wo ist Ana Mendieta?” nicht gemindert werden, jedoch müssen vermehrt Fragen dieser Art gestellt werden: Warum ist Ana Mendieta nicht mindestens genauso bekannt, wie ihr Ex-Mann? Wie viele Retrospektiven gab es bisher weltweit von Ana Mendieta, wie viele von Carl Andre? Wie kann der Gewalt gegen Frauen und der immer noch vorhandenen Unterpräsentation von Künstlerinnen als Ausdruck patriarchaler Machtstrukturen entgegengewirkt werden?

Ana_Mendieta_Raumansicht_MMKAusstellungsansicht Ana Mendieta, Courtesy Galerie Lelong & Co., © The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC, Foto: Axel Schneider

Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung ist das Ausstellen von Ana Mendietas Kunst und ihrer Einordnung in die Kunstgeschichte. Die Ausstellung A Tale of Two Worlds zeigt stolze acht Arbeiten von Ana Mendieta, die ihr Oeuvre umfassend widerspiegeln. Ihr Werk weißt Tendenzen der in den 1970er-Jahren noch neuer Kunstrichtungen auf, wie der Konzeptkunst, Land Art, Body Art und Videokunst. Mendieta gilt ebenso als Schlüsselfigur für das Konzept von A Tale of Two Worlds wie Lucio Fontana. Ihre Karriere jedoch fand erst einmal vollständig in der westlichen Hemisphäre statt. Die Künstlerin wurde 1948 in Kuba geboren und als Jugendliche von ihrem Vater in die USA geschickt, der sie dadurch von den politischen Einflüssen Fidel Castros und der kubanischen Revolution fernhalten wollte. Sie studierte in Iowa Kunst und Ethnologie. Die Beschäftigung ethnologischer Themen zeigt sich auch in den im MMK 1 gezeigten Arbeiten Untitled (Silueta Series) (1979) und Esculturas Rupestres (Rupestrian Sculptures) (1981). Mendieta setzte sich mit verschiedenen Kulten auseinander, insbesondere mit den Ritualen der Santería, einer synkretistischen Form des Katholizismus, die unter anderem in Kuba ausgeübt wird. Alle ihre im MMK 1 gezeigten Arbeiten bestehen jeweils aus kurzen digital übertragenen Super-8mm Filmen, bis auf eine (Parachute), ohne Ton. In der Arbeit Untitled (Silueta Series) verbrennen zwei Bündel aus Stroh im Freien, deren Formen menschlichen Körpern entsprechen. Bilder von Opferritualen vermischen sich mit der Ästhetik von Land Art, wobei beiden Phänomenen ein Ausdruck von Vergänglichkeit innewohnt. Esculturas Rupestres (Rupestrian Sculptures) zeigt Aufnahmen einer Land Art Arbeit Mendietas, die aufgrund von Erosion heute nicht mehr existiert. Im Film dokumentiert die Künstlerin das Bild einer in Kalkstein eingeritzten Göttin, die wie Höhlenmalerei wirkt. Als Mendieta 1981 zu Besuch in Kuba war, formte und malte sie in einem Nationalpark in der Nähe von Havanna abstrakte Figuren, die sie nach Göttinen der Taíno und Ciboney-Kultur benannte. Wo ist Anna Mendieta? Durch derartige Auseinandersetzungen kann sie als eine Vertreterin des heute noch genauso aktuellen post-kolonialistischen Feminismus gelesen werden, Ana Mendieta vermied jedoch solche Kategorisierungen für sich und ihre Arbeiten.

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Ana Mendieta, filmstill from Ocean Bird (Washup), 1974, Courtesy Galerie Lelong & Co., © The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC
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Ana Mendieta, filmstill from Grass Breathing, 1947, Courtesy Galerie Lelong & Co., © The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC, Foto: Axel Schneider

In den Filmen Grass Breathing und Ocean Bird (Washup), beide von 1974, verschwimmen die vermeintlichen Entitäten Körper und Natur erneut. In Grass Breathing ist der Körper nicht zu sehen, jedoch erinnert die rechteckige Form, die aus dem Rasen geschnitten ist, an einen Sarg. Die Grassfläche senkt und hebt sich, dem Titel nach vermutend, befindet sich ein atmender menschlicher Körper darunter. In Ocean Bird (Washup) ist Ana Mendieta selbst zu sehen, wie die Wellen des Ozeans sie tragen. Über ihren nackten Körper sind Federn ausgebreitet, die ebenso durch die Wellen getragen, wie auch weggeschwemmt werden. Die Aufnahmen stammen von ihrem damaligen Partner, dem Künstler Hans Breder. Das Besondere an dieser Arbeit ist, im Gegensatz zu den Arbeiten Breders, wie auch ihren eigenen früheren Arbeiten, dass Ana Mendieta hier nicht durch eine voyeuristische Kameraführung zum Objekt stilisiert wird, sondern sie durch die Neutralität der Aufnahmen Subjekt bleibt, das sich in einem Zustand des Einklangs mit der Natur befindet.

gp-1589---moffitt-building-piece_3Ana Mendieta, filmstill from Moffitt Building Piece, 1947, Courtesy Galerie Lelong & Co., © The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC, Foto: Axel Schneider

Die Arbeit Moffitt Building Piece von 1974 funktioniert konzeptionell, wie eine Sozialstudie über Zivilcourage. Der Hintergrund dieser Arbeit ist die tödlich endende Vergewaltigung der Studentin Sarah Ann Ottens in Iowa, die 1973 öffentliches Aufsehen erregte. Vorm titelgebenden Moffitt Building in New York, in dem Ana Mendieta damals wohnte, verteilte sie Eingeweide und Blut von Tieren auf dem Gehweg. Aus einem möglichst neutralen Winkel filmte Ana Mendietas Schwester aus einem parkenden Auto, während Mendieta selbst fotografierte, wie zahlreiche Passantinnen und Passanten am vermeintlichen Tatort vorbeigehen, die meisten offenbar ohne sich zu fragen, womit sie hier konfrontiert sind.

Body Tracks aus dem Jahr 1974 gehört zu den Serien, in denen Ana Mendieta ihren eigenen Körper mit Blut malerisch zusammenführt. Ana Mendieta filmte sich vor ihrer weißen Zimmerwand, wie sie ihren Oberkörper und die Arme mit Blut bestrichen, diese an die Wandfläche schmiegt und streicht. Es entsteht eine Form, die aussieht wie ein Schneeengel und dessen Ästhetik gestischer Malerei entspricht. Diese Blut-Serien schuf Ana Mendieta in ihrer Wohnung, womit sie die Verbindung zu häuslicher Gewalt thematisiert. Wo ist Ana Mendieta hier in der Kunstgeschichte zu verorten? Referenzen lassen sich beispielsweise zu Carolee Schneemann oder dem Wiener Aktionismus ziehen. Auch zu Bruce Nauman, der im gleichen Ausstellungsraum im MMK 1 und damit kuratorisch zu einem weißen-westlichen-männlichen Gegenspieler positioniert wird. Nauman diente in den späten 1960er- und 70er-Jahren ebenso der Körper als künstlerisches Material, das er performativ austestet und vornehmlich filmisch dokumentiert. In vielen seiner Arbeiten wirkt sein Körper jedoch erst einmal neutraler als der weibliche Körper Mendietas, der zugleich genderspezifisch interpretiert wird. Erst in einem weiteren Schritt der Analyse und sonstigen Werkbetrachtung wird die Dimension der Gewalt und Sexualität auch in Naumans Arbeiten offensichtlich.

Mendieta_DogAna Mendieta, filmstill from Dog, 1974, Courtesy Galerie Lelong & Co., © The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC, Foto: Axel Schneider

Videoarbeiten die Magie, Alltäglichkeit und Verspieltheit verknüpfen sind Parachute (1973) und Dog (1974). In Parachute spielt eine Schulklasse mit einem Fallschirm, durch die Straßengeräusche der Stadt sowie die beobachtende Perspektive der Kamera, gleicht die Arbeit einem Alltagsausschnitt. Ähnlich wie in der Arbeit Divisor (1968) von Lygia Pape, die im Erdgeschoss des MMK 1 gezeigt wird, verbindet ein großes Stofftuch Kinder oder junge Menschen. Als Sinnbild für die Gesellschaft spiegeln sie in spielerischer Form Einheit und Individuum zugleich wider. In der Arbeit Dog krabbelt Ana Mendieta auf allen vieren im Wolfs- bzw. Hundepelz verkleidet auf einer Straße in Mexiko entlang. Wieder findet sich hier eine testende bis provozierende Interaktion der Künstlerin mit Passantinnen und Passanten sowie abermals die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper, der Natur und den Spielarten menschlicher Kultur. Wo ist Ana Mendieta? Sie lebt in ihren Arbeiten weiter: provokativ, mutig, tiefsinnig, energetisch und verspielt zugleich, wie auch verwirrend aktuell.

Ein Beitrag von Muriel Meyer

Ab dem 20. April ist eine umfassende Ausstellung zu der aktuellen Forschungsarbeit der University of Minnesota im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen.

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