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Wo die Kugel einschlägt

„Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt“ – so antwortete die deutsche Reportagefotografin Anja Niedringhaus auf die Frage, aus welchem Antrieb heraus sie jahrelang aus den größten Kriegsgebieten unserer Zeit berichtete. Als „embedded –journalist“ war sie an Orten, die sonst den meisten Menschen unzugänglich bleiben. Im Rahmen der aktuellen Schau des MMK 2, Image Profile. Aspekte des Dokumentarischen in der fotografischen Sammlung sind einige ihrer Schwarzweiß-Fotografien ausgestellt.

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Anja Niedringhaus, Falludscha, Irak, April 2004. Ein irakischer Junge verlässt nach monatelanger Belagerung die Stadt., 2004, © Anja Niedringhaus, Foto: Axel Schneider

Ein Junge zwischen zehn und zwölf Jahren sitzt fest im Sitz eines Kettenkarussells, das im Rahmen der Eid-Feierlichkeiten des Ramadan im afghanischen Kabul aufgebaut wurde. Seine Hosenbeine sind ein wenig zu kurz, so kurz, dass sie freien Blick auf die ledrigen Männerschuhe geben, die gar nicht recht zu seinem Alter passen wollen. Genauso wie die halbautomatische Waffe in seiner Hand mit der er auf etwas zielt, was dem Betrachter verborgen bleibt. Der Jugendliche im Sitz dahinter schmunzelt über das Verhalten des Jungen im Vordergrund – vermutlich weil er weiß, dass es sich bei der Waffe um eine Plastikattrappe handelt.

Bild1Anja Niedringhaus, Kabul, Afghanistan, September 2009. Ein afghanischer Junge hält eine Spielzeugwaffe, während er mit anderen Karussell fährt und das Ende des Ramadan feiert., 2009, © Anja Niedringhaus, Foto: Axel Schneider

Mittlerweile sind fast neun Jahre vergangen, seit Anja Niedringhaus diese Situation fotografierte. Wenige Tage zuvor machte sie die ersten Aufnahmen der zwei zerstörten Tanklastwagen, die beim Bundeswehr-Luftangriff auf Kundus zerstört wurden. Bei diesem Angriff wurden über hundert Menschen getötet und verletzt, was bis jetzt die größte Zahl an Opfern in der Geschichte der Bundeswehr ist. Der Anschlag wurde lange Zeit vom deutschen Militär geheim gehalten, da bei ihm auch zahlreiche Zivilisten ums Leben kamen. Neben der zeitlichen Kohärenz dieser Aufnahmen lässt sich auch eine thematische Verbindung ziehen: Beide Darstellungen zeigen die Folgen militärischer Konflikte – Zerstörung an der Front und im alltäglichen Leben der Menschen vor Ort.

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Anja Niedringhaus, Ein amerikanischer Marineinfanterist der 1.Division trägt ein GINJoeN Maskottchen als Glücksbringer in seinem Rucksack, während seine Einheit tiefer in den westlichen Teil der Stadt vordringt., 2004, © Anja Niedringhaus, Foto: Axel Schneider

Die erste öffentliche Aufmerksamkeit erlangte Niedringhaus durch ihre Fotografien vom Berliner Mauerfall, die sie zur ersten festangestellten Frau bei der European Press Photo Agency machten. Nach dem Kriegsausbruch in Exjugoslawien 1991 war es ihr persönlicher Wunsch direkt vor Ort zu fotografieren. Die damals 26-jährige schrieb ihrem Vorgesetzten sechs Wochen lang täglich einen Brief auf ihrer Schreibmaschine, bis er ihr letztendlich erlaubte die Reise anzutreten. Die Redaktion ging damals davon aus, dass Niedringhaus nach zwei Tagen wieder abbrechen würde – schlussendlich blieb sie für fünf Jahre in Sarajewo und reiste seit 1992 als Reportagejournalistin nach Jugoslawien, Palästina, Afghanistan, Kuwait, Libyen und in den Irak. 2002 wechselte sie zur US-Nachrichtenagentur AP wo sie weiterhin als Embedded Journalist eingesetzt wurde. Kriegsfotografin wollte sie nach eigener Aussage nicht genannt werden, schließlich war sie neben ihrem journalistischen Einsatz an der Front auch als Sportfotografin tätig.

2013_034Anja Niedringhaus, 2004. Amerikanische Marineinfanteristen, die versuchen, die Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen, ruhen sich in einem verlassenen Haus im Westen der eroberten Stadt, © Anja Niedringhaus, Foto: Axel Schneider

Meistens benutzte sie für ihre Aufnahmen in Krisengebieten eine digitale Kamera, mit der sie ihre Aufnahmen per Satellit direkt an deutsche Nachrichtenagenturen übermitteln konnte. Durch ihren unmittelbaren Einsatz vor Ort entstand eine besondere Nähe zu ihren Motiven, die man als Betrachter nachvollziehen kann. Ihre Fotografien vermitteln einen spürbaren Authentizitätscharakter, der das Thema Krieg zu einem unausweichlichen Aspekt der Gegenwart manifestiert. Neben der Vermittlung und Dokumentation dieser Zustände, war es primär das Anliegen von Niedringhaus, mit ihrer Arbeit aufzuklären und der Bevölkerung zu zeigen, wie sich die realen Auswirkungen von militärischen Expansionen darstellen – sozusagen da, wo die Kugel eingeschlagen ist. Das Bild von dem Jungen mit der Waffenatrappe in der Hand zeigt, wie alltäglich der Krieg im Leben der Menschen in Krisengebieten ist. Besonders in der kindlichen Haltung des Jungen wird eine Realitätsfremdheit deutlich, die dem Aufwachsen in Gewalt und Terror geschuldet ist. In einem späteren Interview mit Deutschlandfunk Kultur erzählte Niedringhaus, dass der Junge mit der Waffe auf Klassenkameraden unter sich zielte, die an der Schlange zum Kettenkarussell anstanden. Eine augenscheinlich „normale“ Spielsituation in einem Land, was sich seit Jahrzehnten in feindlichen Auseinandersetzungen befindet. Neben den Embeds die Niedringhaus an der Front fotografierte, galt ihr Hauptinteresse den Zivilisten, wie diesem Jungen auf dem Karussell, die unter dem Krieg leiden und mit den Auswirkungen leben müssen.

2013_029Anja Niedringhaus, Kundus, Afghanistan, September 2008. Ein afghanisches Mädchen an der Ayeshe-Sedeqa-Mädchenschule im Stadtzentrum schreibt vor der Klasse an die Tafel., 2008, © Anja Niedringhaus, Foto: Axel Schneider

Es ist für viele Menschen nur schwer nachvollziehbar, dass Medienschaffende wie Anja Niedringhaus sich freiwillig in solche Extremsituationen versetzen lassen. Hierbei greift der mittlerweile etwas zu inflationär benutzte Begriff der „Berufung“ – für Niedringhaus war es von oberster Priorität die Menschen über die tatsächliche Situation vor Ort zu informieren, um etwas daran zu verändern. Wenn sie beispielsweise in einem Krankenhaus Schwerverletzte fotografierte, wohl wissend, dass nicht genug Medikamente oder Verbandsmaterial vorhanden war, ermöglichte ihre Arbeit die Weltöffentlichkeit über die Zustände zu informieren. „Ich kann jetzt nicht direkt die Medikamente aus meiner Tasche ziehen, aus der Fototasche, und dahin legen, sondern ich habe die Aufgabe, darüber zu berichten und dann zu hoffen, dass sich etwas ändert. (…) das ist auch das, was mir Energie gibt“, erklärte Niedringhaus in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur von 2011. Dieses Bestreben definiert gleichzeitig eine der Aufgaben der aktuellen gesellschaftspolitischen Reportage-Fotografie – zu dokumentieren und informieren. Während ihrer Arbeit begab sich Niedringhaus oft in extreme Situationen, wobei sie mehrmals verletzt und attackiert wurde. 2014 wurde sie bei einem Attentat eines afghanischen Polizisten auf ihren Autokonvoi tödlich verletzt – einen Tag vor der Präsidentschaftswahl in Afghanistan. Im selben Jahr lobte die Internationale Stiftung für Frauen in den Medien einen Preis zu ihren Ehren aus, der an Fotojournalistinnen mit außergewöhnlichem Engagement verliehen wird.

2013_037Basra, Irak, März 2003. Eine irakische Frau flieht mit ihrem Kleinkind und anderen Einwohnern vor schweren Gefechten aus der Stadt., 2003, © Anja Niedringhaus, Foto: Axel Schneider

Mit 16 Jahren war Niedringhaus schon als schreibende Journalistin tätig, was ihr aber später, nach eigener Aussage, den Umgang mit der Situation in Krisengebieten erschwert hätte. Hierbei spielt wohl der Aspekt des Unaussprechlichen eine tragende Rolle, denn bei ihrer Arbeit agiert das Medium der Kamera als eine Art Schutzschicht zwischen Fotografin und dem Motiv. Im Moment der Aufnahme liegt ihr Schwerpunkt der Konzentration auf dem Bildaufbau und weiteren technischen Elementen, was es ihr ermöglichte, sich persönlich von der Situation zu distanzieren. Dabei geht es nicht um Inszenierung – Niedringhaus Fotografien sind nicht gestellt und ihr respektvoller und sensibler Umgang mit Opfern und Angehörigen lässt sich auf jeder einzelnen ihrer Aufnahmen erkennen. In dem Interview von 2011 bedauerte es Niedringhaus, dass sie die Menschen die sie fotografierte, meistens nicht wieder sah, obwohl sich innerhalb kürzester Zeit eine Beziehung zu ihnen aufbaute. Doch ins solchen Kriesensituation ist nichts planbar, meistens wusste Niedringhaus nicht einmal was in der nächsten Stunde passieren sollte.

2013_043Nasiriya, Irak, November 2003. Ein italienischer Armeesoldat steht nach dem Angriff eines Selbstmordattentäters auf dem Gelände einer italienischen Militärkaserne. Sechzehn italienische Soldaten und acht irakische Zivilisten kamen dabei ums Leben., 2003, © Anja Niedringhaus, Foto: Axel Schneider

Die aktuelle Ausstellung im MMK 2 hinterfragt, inwiefern unsere Bildfähigkeit durch die Medien geprägt ist. Im Fall von Anja Niedringhaus ist dazu zu sagen, dass ohne ihre Aufnahmen keine so detaillierte Berichterstattung hätte erfolgen können. Im Jahr 2011 wurde sie für diese Leistung mit dem ersten Abisag-Tüllmann-Preis ausgezeichnet, der Journalistinnen ehrt, deren Arbeiten neben einem dokumentarischen Wert, auch eine künstlerische Dimension aufweisen. Abisag Tüllmann, die sich selbst als politische Fotografin verstand, ist mit ihren Fotografien ebenfalls in der aktuellen Ausstellung zu sehen. Die künstlerische Dimension in Niedringhaus Arbeiten ist die besondere Nähe zu ihren Motiven, die sich in jeder einzelnen ihrer Fotografie offenbart. Obwohl der Junge auf dem Kettenkarussell sich scheinbar unbeobachtet fühlt, in seinem Spiel versunken, ist Niedringhaus in diesem Moment nah bei ihm und zeigt trotz der sichtbaren Auswirkung von Krieg und Repressionen, Momente des alltäglichen Lebens. Spielende Kinder, Soldaten die ihren Geburtstag feiern – Niedringhaus differenzierte auf ihren Aufnahmen nicht zwischen einheimischer Bevölkerung und militärischen Truppen und sorgte somit für eine detailreiche Darstellung der unterschiedlichen Aspekte kriegerischer Expansionen.

Ein Beitrag von Roxana Frey

Quelle: Beitrag vom 12.09.2011 bei Deutschlandfunk Kultur: Die Kamera ist „so eine kleine Schutzschicht“ Fotografin Anja Niedringhaus über ihre Arbeit im Gespräch mit Ulrike Timm.

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