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Die Totenmasken von Baader, Ensslin und Raspe

Mehr als zwei Jahrzehnte galten die Totenmasken der RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, welche 1977 nach der Obduktion der Leichen entstanden, als verborgen. Sie entstanden ohne Wissen der Öffentlichkeit und verweilten im Depot eines Bildhauers. Ilja C. Hendel stieß im Rahmen einer Recherche in der Baden-Württembergischen Polizeiakademie auf die Masken, welche in einer gläsernen Vitrine verwahrt wurden, und fotografierte sie. Später wurde die Abbildung von diversen Zeitungen und Magazinen aufgegriffen. Die Fotografie Totenmasken von Baader, Ensslin und Raspe (2000) ist derzeit in der Ausstellung Image Profile im MMK 2 ausgestellt. Neben Abisag Tüllmann und Hans-Peter Feldmann reiht sich die Fotografie von Ilja C. Hendel zu den in der Ausstellung gezeigten Medienbildern zum Deutschen Herbst ein. Im Interview erzählt der Künstler die Hintergründe seiner Arbeit.

Ilja_Clemens_Hendel_Totenmaske_von_Baader_Enslin_und_Raspe_2000Ilja C. Hendel, Totenmasken von Baader, Ensslin und Raspe, 2000, © Ilja C. Hendel, Foto: Axel Schneider

MMK: Sie fotografierten Ihre Arbeit Totenmasken für eine Geschichte über das Kriminalmuseum der Polizeiakademie Baden-Württemberg. Wie kam es dazu? 



Ilja C. Hendel: Es war ein kleiner Sommerloch-Auftrag für die Badische Zeitung in Freiburg, für die ich damals fotografiert habe. Mit einer Journalistin besuchten wir das Kuriositätenkabinett der Polizeiakademie mit Beweismaterial aus vergangenen Kriminalfällen aus der Region. Etwas abseits standen alleine in einem Glasregal die drei Gipsmasken. Kein Schild. Kein Hinweis. Sie weckten mein Interesse und ich fotografierte sie. Zwei Belichtungen. Später sprachen wir den pensionierten Polizisten, der die Sammlung betrieb, darauf an. Er bestätigte, dass es sich um die Totenmasken von Baader, Ensslin und Raspe handelte. 
In dem Artikel wurde nur am Rande darauf eingegangen und die Bilder landeten zunächst in meinem Archiv. 2002 druckte dann die Tageszeitung taz das Foto in einem Artikel zum 25. Todestag.

MMK: Worin liegt Ihr besonderes Interesse an der RAF-Thematik?

IH: Ganz ehrlich liegt mein Interesse weniger an der RAF, als generell an der Frage, wie Gesellschaft funktioniert und organisiert ist: historische Verantwortung, wirtschaftliche und soziale Zusammenhänge. Ich bin 1971 geboren und war zur Zeit des Deutschen Herbstes ein Kind und zum Zeitpunkt des Todes von Baader, Ensslin und Raspe 6 Jahre alt. Ich erinnere mich noch an meine damalige Schwierigkeit, den Unterschied von Terrorist und Tourist zu verstehen. Das Motiv Totenmasken von Baader, Ensslin und Raspe ist eher das Ergebnis meiner Arbeitsweise, nämlich vor Ort zu sein und fotografisch darauf zu reagieren.

MMK: Die Thematik, die Sie in der Fotografie aufgreifen ist gesellschaftlich sehr aufgeladen. War Ihnen bewusst, dass die Fotografie medial etwas auslösen und für die Aufarbeitung der RAF-Geschichte relevant werden würde?

IH: Während des Fotografierens war ich eher verwundert, diese Masken in der etwas verstaubten Sammlung auf dem Dachboden der Polizeiakademie zu sehen. Ich fotografierte sie recht nüchtern, dokumentarisch – aus dem Moment der Überraschung heraus. Eine Überhöhung oder Verteufelung wollte ich vermeiden. Daß sich in den Masken zwei Pole – der der RAF und der des ehemaligen SS-Mitgliedes als obduzierender Arzt – treffen, war mir damals natürlich nicht klar. Erst die Spiegel Veröffentlichung und der rasch darauf folgende Anruf von Udo Kittelmann, der die Fotografie in der Sammlung des MMK haben wollte, machten mir deutlich, dass in diesem Foto ein Teil der komplizierten und vielschichtigen Geschichte Deutschlands steckt. Wenn das Foto heute neben den Werken von Hans-Peter Feldmann und Abisag Tüllmann gezeigt wird, die sich ja sehr explizit mit der RAF und dem Deutschen Herbst beschäftigen, freut es mich, dass es mit seiner eigenen Geschichte als Kommentar von der Seite seinen Weg dazu gefunden hat.

MMK: Im Rahmen eines Spiegel-Artikels, wurde 2002 die Fotografie mit der Aufklärung der Geschichte hinter den Gipsmasken veröffentlicht. Inwiefern waren Sie an der Reportage beteiligt? 



IH: Die Recherchen des Spiegels gehen auf die Veröffentlichung der Fotografie im taz-mag im April 2002 zurück. Kurz danach bekam ich einen Anruf einer Angehörigen von Gudrun Ensslin, die sich nach der Herkunft der Gipsmasken erkundigte. Solche Totenmasken dürfen nur mit dem Einverständnis der Angehörigen angefertigt werden – und von denen wusste niemand davon. Ich berichtete ihr, wo ich sie fotografiert hatte. Der Spiegel deckte dann die Hintergründe auf, wo die Totenmasken herkamen: es war der diensthabende Arzt, der nach der Obduktion die Masken als eine Art persönliche Trophäe anfertigte.

MMK: Sie haben Politikwissenschaften, Ethnologie und Wirtschaft an der Albert-Ludwig-Universität in Freiburg studiert. In wie fern beeinflusst dies Ihre Arbeit?

IH: Auch wenn ich auftragsgebunden arbeite, liegt mein tiefer liegendes Interesse immer auch darin, wie unsere Gesellschaften funktionieren und zusammengehalten werden. Also Politik, Wirtschaft, Traditionen. Dabei kann meine Herangehensweise mit der eines ethnologischen Feldforschers beschrieben werden. Ich begebe mich mit meinen Kameras in die Milieus, die es zu fotografieren gilt: sei es die Vorstandsetage eines Industrieunternehmens für den Geschäftsbericht, das Leben auf einer Gefängnisinsel im Oslofjord oder die Welt der Krabbenfischer in Nordnorwegen. Ich versuche beim Fotografieren möglichst wenig Einfluss auf das Geschehen zu nehmen und aus der Position der teilnehmenden Beobachtung meine Motive zu entdecken.

MMK: Woran arbeiten Sie gerade und wie kam es zu ihrem Umzug nach Norwegen?


IH: Derzeit interessiert mich die fotografische Dokumentation der Herstellungsketten von Produkten, die wir täglich benutzen, ohne deren Entstehung, die notwendige Logistik dahinter und nicht zuletzt deren Umwelteinflüsse zu überschauen.
 Nach einigen gemeinsamen Jahren in Berlin war es die Liebe zu meiner norwegischen Frau, die der Anlass war nach Norwegen zu ziehen. Mittlerweile leben wir seit 13 Jahren in Oslo.

MMK: Wie nehmen Sie Medienbilder war und in welcher Form verarbeiten Sie diese als Fotograf? Welche Rolle spielen diese für Sie? 


IH: Als ich mit 18 Jahren anfing, mich mit Fotografie zu beschäftigen, waren es die Arbeiten von Barbara Klemm, die mich sehr inspirierten. Ihre ruhige und einfühlsame Arbeitsweise, gepaart mit ihrem kompositorischen Gespür sind immer noch ein Vorbild für meine Arbeit.
Ich sehe und konsumiere die mich umgebenden Bilder in den Medien und sie beeinflussen wiederum meinen Blick auf die Welt. Die mich beeindruckenden sind dabei eher die ruhigen, eher beiläufigen Fotografien, die ohne Effekte auskommen. Vor einigen Jahren gab es bei Worldpressphoto eine Diskussion über übertriebene und noch zulässige Bildbearbeitung. Für die journalistische Fotografie war es ein Gewinn, dass sich die Stiftung und auch einige große Nachrichtenagenturen auf neue Standards geeinigt haben, die Photoshop-Veränderungen deutlich eingrenzen. Auch wenn ich heute zu fast 100 Prozent digital arbeite, versuche ich durch die Wahl meiner Kameras und meines Arbeitsprozesses auch den digitalen Workflow so analog wie möglich zu halten.