RAY 2018

Birding the Future

Unter dem Titel EXTREME. ENVIRONMENTS analysieren Künstlerinnen und Künstler im Fotografie Forum Frankfurt die Folgen menschlicher Eingriffe in die Umwelt. Ein teilnehmendes Künstlerduo sind Krista Caballero und Frank Ekeberg. Im Interview sprechen sie über ihr Projekt Birding the Future.

Ab dem 24. Mai geht die internationale Triennale RAY Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain in die dritte Runde. Bis zum 9. September werden an über zehn Standorten in Frankfurt und der Region aktuelle Positionen der Fotografie gezeigt. In inhaltlich miteinander korrespondierenden Ausstellungen zum Triennale-Thema EXTREME reflektieren die ausgewählten künstlerischen Positionen über gesellschaftliche Transformationen, Identitätskonzepte und ästhetische Tendenzen im 21. Jahrhundert.

English Version Below

caballero_birding_the_future_b_ray2018Krista Caballero und Frank Ekeberg, Installationsansicht aus der Serie Birding the Future, Queensland Australia Series, 2013, © Krista Caballero and Frank Ekeberg

RAY: Was bedeutet „extrem“ für euch?

Krista Caballero & Frank Ekeberg: Wir leben in extremen Zeiten, in denen alles an seine Grenzen stößt. Das gilt sicherlich auch für unseren ökologischen Zustand. Es ist extrem, dass wir jetzt die 6. Ausrottung erleben. Es ist extrem, dass jede achte Vogelart weltweit vom Aussterben bedroht ist. Und es ist extrem, dass Plastikmüll in 90% der Seevögel gefunden wird. Es ist unsere Hoffnung, dass die Menschen in extremer Weise handeln können, um diesen Kurs zu ändern.

RAY: Das kuratorische Team von RAY 2018 sagt, dass das „Extreme untrennbar mit der Fotografie verwoben ist“. Stimmt ihr dem zu?

KC & FE: Ja. Die Fotografie war schon immer mit dem technologischen Fortschritt verbunden, der von Natur aus einen extremen, unersättlichen Appetit auf neue Interpretationen unserer Welt durch Bilder widerspiegelt.

RAY: Ihr habt 2013 in Queensland mit Birding the Future begonnen und arbeitet noch heute daran. Wie seid ihr auf dieses Thema gestoßen und warum verfolgt ihr diesen Schwerpunkt immer noch?

KC & FE: Als wir uns kennenlernten, hatten wir beide bereits jahrelang Fragestellungen in Bezug auf das Überleben und Umweltveränderung (Krista) sowie Umweltverschmutzung und den Schutz von Lebensräumen (Frank) verfolgt. Es wurde also schnell klar, dass sich unsere Interessen überschneiden. Vögel sind nicht nur Bioindikatoren, sondern auch „Botschafter“ von Kulturen, Ländern, Ökologien und verschiedenen Zeiträumen. Wir beide haben uns durch diese Beschäftigung in Vögel verliebt und haben entdeckt, dass es ein lebenslanges Projekt ist, um die Geschichten, die Wissenschaft und die kulturellen Zusammenhänge der Vögel zu erforschen.

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Krista Caballero und Frank Ekeberg, Installation Documentation, Queensland Australia Series, 2013, aus der Serie Birding the Future, © Krista Caballero and Frank Ekeberg

RAY: Eure Installation ist partizipativ, da der Besucher die Karten aufnehmen und quasi in 3D erleben kann. Warum ist der partizipative Aspekt in eurer Arbeit so wichtig und warum habt ihr euch für das Medium der stereoskopischen Fotografie entschieden? Auf welche andere Weise bindet ihr die Besucher in Ihre Arbeit ein?

KC & FE: Birding the Future ist immer auf der Suche nach alternativen Wegen der Begegnung mit Kunst, bei der der Betrachter nicht mehr nur Zuschauer ist, sondern tief in die Auseinandersetzung mit diesen kritischen Themen eingebunden wird. Das Stereoskop wurde als Betrachtungsinstrument gewählt, weil es das Wahrnehmungsbewusstsein steigert und eine historische Verbindung zum menschlichen Einfluss auf die Umwelt herstellt. Viele Umweltprobleme begannen sich etwa zur gleichen Zeit wie die Entwicklung dieser Technologie zu beschleunigen.

Wir verwenden auch Mehrkanalton, der aus Rufen von gefährdeten Vögeln besteht, die speziell für eine Region extrahiert werden, um Morsezeichen zu erzeugen, die auf Geschichten und Poesie basieren, in denen Vögel zu Menschen sprechen. Diese werden mit unveränderten Rufen von ausgestorbenen Vögeln kombiniert, die die Besucher an die Vergangenheit erinnern und eine Zukunft mit weniger Artenvielfalt vor Augen führen. Während der Dauer der Ausstellung werden die Vogelstimmen in Echtzeit computergesteuert, um die Aussterberate für das Ende des Jahrhunderts zu projizieren, indem die Dichte und Vielfalt der Vogelstimmen verringert wird.

caballero_midatlanticseries_sound_ray2018Krista Caballero und Frank Ekeberg, Installation Documentation, custom-built solar speakers, Mid-Atlantic USA Series, 2016, aus der Serie Birding the Future, © Krista Caballero and Frank Ekeberg

RAY: Eure Installationen setzen viele verschiedene Medien ein. Ton und Video bieten ein dreidimensionales Erlebnis für die Besucher. Wie wählt ihr das Motiv für die stereoskopischen Bilder aus?

KC & FE: Die Themen werden nach den Vögeln und Themen einer bestimmten Region ausgewählt. Anstatt stereoskopische Bilder zu schaffen, die die Fotografie der Zeit nachahmen, sind die Bilder hoch kompositioniert, stilisiert und enthalten sowohl reale als auch imaginäre Räume. Die Themen beziehen sich auch direkt auf den auf der Rückseite der Karten integrierten Text.

RAY: Was ist das Wichtigste, was ihr über die Vogelpopulation in städtischen Gebieten und über die Zukunft der Vogelbeobachtung im Allgemeinen gelernt habt?

KC & FE: Es gibt so viele Probleme im Zusammenhang mit Vögeln in städtischen Räumen: zum Beispiel Lichtverschmutzung, die Kollisionen verursacht, Frequenzverschiebungen im Vogelgesang als Reaktion auf den Lärmpegel, Veränderungen im Stressniveau, Veränderungen im Futterverhalten und Veränderungen der Brutzyklen.

Viele Wissenschaftler sagen heute voraus, dass bis zum Ende dieses Jahrhunderts fast ein Drittel aller Vogelarten verschwunden sein werden. Vögel in der Zukunft werden dann eine Art „Aussterben der Erfahrung“ bedeuten, wie es Robert Michael Pyle vorausgesagt hat. Zukünftige Generationen werden insgesamt weniger Arten kennen und erleben. Vögel werden sich dann in hohem Maße in städtischen Gebieten aufhalten und es werden nur Arten vorhanden sein, die sich gut an die menschliche Umwelt anpassen können.

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Krista Caballero und Frank Ekeberg, Window to the Sea, Norway Series, 2016, aus der Serie Birding the Future, © Krista Caballero and Frank Ekeberg

RAY: Was ist das Interessanteste, was ihr in Frankfurt über Vögel gelernt habt?

 

KC & FE: Wir sind immer wieder erstaunt, wie Vögel Menschen zusammenbringen. Überall trafen wir Menschen, die Vögel lieben und Vögel beobachten. So trafen wir beispielsweise eines Tages am Main auf einen einheimischen Vogel, der Merkmale einer Bargans vorwies, die normalerweise nur in Asien vorkommen und in dieser Region selten sind. Die Stabgans ist der höchstfliegende Vogel der Welt und zieht zweimal im Jahr über den Himalaya. Es war auch sehr interessant, mehr über Organisationen zu erfahren, die sich dem Schutz städtischer Vögel widmen, wie z.B. Projekt Oase oder der Stadttauben e.V..

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RAY: Was ist euer Lieblingsvogel im Rhein-Main-Gebiet bisher?

KC & FE: Statt hier eine bestimmte Art zu nennen, würden wir sagen, dass es einen bestimmten Vogel gab, den wir in der Nähe der Vogeltreppe an der Alten Brücke getroffen haben. Eine Graugans wurde 2017 von einem Fahrrad getroffen und das Projekt Oase half dem Vogel wieder auf die Beine zu kommen. Obwohl die Beinverletzung so schwer war, dass die Gans heute noch Schwierigkeiten beim Gehen hat, scheint der Vogel nun glücklich auf der Maininsel am Portikus zu leben.

RAY: Welche Orte habt ihr in Frankfurt/RheinMain besucht, um eure Installation im Fotografie Forum Frankfurt vorzubereiten?

KC & FE: Der Zusammenfluss von Rhein und Main bei Mainz, der Alte Flugplatz Bonames, Schwanheimer Düne (eine der wenigen Binnendünen Europas), das Naturmuseum Senckenberg sowie viele Orte im Grüngürtel rund um Frankfurt am Main.

RAY: Was ist die extremste Erfahrung, die ihr je gemacht habt?

KC & FE: Es ist so gut wie unmöglich hierbei nur an eine Erfahrung zu denken. Aber eine Erinnerung, die wir gemeinsam teilen, war die Wanderung auf den Lovund-Berg in Nordnorwegen (dem äußersten Norden!) und die Begegnung mit Zehntausenden von Papageientauchern und das Hin- und Herfliegen zum Meer. Die Klanglandschaft und die visuelle Vogellandschaft waren etwas, was wir nie zuvor erlebt hatten. Es war auf die bestmögliche Weise extrem.


English

On 24 May, the international triennial RAY Photography Projects Frankfurt/RhineMain enters its third round. Until September 9, current positions in photography will be shown at more than ten locations in Frankfurt and the region. Through a multitude of correlating exhibitions organised under this RAY edition’s theme of EXTREME the selected artists reflect upon social transformation, concepts of identity, and aesthetic tendencies in the twenty-first century. Under the title EXTREME. ENVIRONMENTS at the Fotografie Forum Frankfurt, artists analyse the consequences of human intervention in the environment. Krista Caballero and Frank Ekeberg are a participating artist duo. In an interview they talk about their project Birding the Future.

RAY: What does extreme mean to you?

Krista Caballero & Frank Ekeberg: We are living in extreme times where everything feels as though it is being pushed to the limits. This is certainly true of our ecological condition. It is extreme that we are now living through the 6th extinction. It is extreme that one in eight of all bird species is threatened with global extinction. And it is extreme that plastic trash is found in 90% of seabirds. It is our hope that humans can act in extreme ways to alter this course.

RAY: The curatorial team of RAY 2018 states that “extreme is inextricably tied to photography.“ Do you agree?

KC & FE: Yes. Photography has always been connected to technological advance, which inherently reflects an extreme, insatiable appetite for new ways of interpreting our world through images.

RAY 2018: You started Birding the Future in 2013 in Queensland and you are still working on it now in 2018. How did you come across this topic and why are you still pursuing this focus?

KC & FE: When we met, we both had worked on issues of survival and environmental change (Krista) and pollution and protection of habitats (Frank) for years. Our overlapping interests quickly became apparent. Birds are not only bio-indicators, but also seen as “message bearers” across cultures, countries, ecologies, and timescales. We have both fallen in love with birds through this project and have discovered it is a lifelong project to explore the stories, the science and cultural connections of birds.

RAY: Your installation is participatory as the visitor can take up the cards and experience them in 3D. Why is the participatory aspect so important in your work and why did you choose the medium of stereoscopic photographs? In what other way do you engage the visitors in your work?

KC & FE: Birding the Future is always looking for alternative ways people might encounter art where the viewer is no longer simply a bystander but rather, deeply implicated in the exploration of these critical topics. The stereoscope was chosen as the viewing instrument for its potential to heighten perceptual awareness and provide a historical link to the human impact on the environment. Many environmental issues started to accelerate around the same time as the development of this technology.

We also use multi-channel sound consisting of calls of endangered birds particular to a region that are extracted to create Morse code messages based on tales, stories and poetry in which birds speak to humans. These are combined with unmodified calls of extinct birds engaging visitors in experiencing memories of the past and considering a future of less biodiversity. Over the duration of the exhibition the bird calls are computer manipulated in real-time to project the rate of extinction for the end of the century by decreasing the density and diversity of bird calls.

RAY: You’re installations implement a lot of different media: sound, video … it offers a three-dimensional experience for the visitor. How do you choose the subject for the stereoscopic images?

KC & FE: Subjects are selected based upon the birds and issues of a particular region. Rather than creating stereoscopic images emulating photography of the time, images are highly composed, stylized and contain both real and imagined spaces. The subjects also directly relate to the text integrated onto the back of the cards.

RAY: What is the most important thing you have learned about the population of birds in urban areas and about the future of birding in general?

KC & FE: There are so many issues around birds in urban areas such as light pollution causing collisions, frequency shifts in birdsong in response to noise level, changes in stress levels, changes in foraging behavior, and changes in breeding cycles.

Many scientists now predict that almost a third of all bird species will have disappeared by the end of this century. Birding in the future will then mean a kind of “extinction of experience” as discussed by Robert Michael Pyle, where future generations will increasingly know and experience fewer species and overall less biodiversity. And where experiences people do have will be highly contained within urban areas and with species able to adapt well to human environments.

RAY: What is the most interesting thing you learned about birding in Frankfurt?

KC & FE: We are always amazed at how birds bring people together. Everywhere we went we met people who love birds and love watching birds. For example, one day while down by the river Main we ran into a local birder who pointed out a Bar-headed Goose, normally only found in Asia and rare for this region. The Bar-headed Goose is the world’s highest flying bird, migrating across the Himalayas twice a year.

It was also very interesting to learn about organizations dedicated to helping urban birds such as Projekt Oase and Stadttaubenprojekt.

RAY: What is your favorite bird in the Rhine/Main area so far?

KC & FE: Rather than mention one particular species, we would say there was one particular individual we encountered near the bird steps by the Alte Brücke that was quite memorable. A Greylag Goose was struck by a bicycle in 2017 and Projekt Oase helped the bird survive. Though the leg injury was so severe that the goose still has difficulty walking, the bird seems to now be happily living on the Maininsel by the Portikus.

RAY: What places did you visit in Frankfurt/RhineMain to prepare your installation at the Fotografie Forum Frankfurt?

KC & FE: The confluence of the RhineMain near Mainz, Alter Flugplatz Bonames, Schwanheimer Düne (one of the few inland dunes in Europe), Senckenberg Natural History Museum (Naturmuseum Senckenberg) as well as numerous locations all around Frankfurt

RAY: What is the most extreme experience you ever had?

KC & FE: It may be impossible to select one experience. However, one memory we collectively share was hiking up Lovund Mountain in northern Norway (the extreme north!) and coming upon tens of thousands of puffins on guard and flying back and forth to the sea. The soundscape and visual birdscape was like nothing we had ever experienced or been immersed in. It was extreme in the best way possible.