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„Wir alle spielen Theater“

Der Titel der  Ausstellung Soziale Fassaden. Ein Dialog der Sammlung des MMK und der DekaBank im MMK 1 ist einer Arbeit von Isa Genzken entlehnt und steht darüber hinaus für vielfältige Ausdrucksformen von gesellschaftspolitischen und sozialen „Fassaden“, die in den Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler beider Sammlungen thematisiert werden. Doch woher stammt der Begriff „soziale Fassaden“ und was bedeutet er?

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Isa Genzken, Spiegelbild, 2001, DekaBank Kunstsammlung, Courtesy of the Artist and VG-Bildkunst, Bonn 2018, Foto: Wolfgang Günzel

Bei genauer Betrachtung des Spiegelbild (2001) von Isa Genzken fällt der Blick zunächst auf eine reflektierende Fläche – schemenhaft werden Umrisse eines Objektes sichtbar, allerdings ist es durch die kleinteiligen, spiegelnden Applikate nicht genau identifizierbar. Ähnlich verhält es sich mit dem Titel „Soziale Fassaden“, der ebenfalls einen scheinbar vertrauten doch nicht genauen Begriff darstellt. Genzkens Neues Design für Weltempfänger, Soziale Fassade (2002) manifestiert sich in einer Konstellation aus zwei Säulen und einem mit Spiegelelementen beklebten, bildartigen Objekt.

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Isa Genzken, Neues Design für Weltempfänger, Soziale Fassade, 2002, Installationsansicht, DekaBank Kunstsammlung, Courtesy of the Artist and VG-Bildkunst, Bonn 2018, Foto: Axel Schneider

Der Begriff der sozialen Fassade wurde erstmals von dem kanadischen Soziologen Erving Goffman geprägt, der sich Mitte des letzten Jahrhunderts in seinem Werk Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, mit den Grundmechanismen von sozialen Verhaltensmustern beschäftigte. In seiner Definition von Interaktion geht Goffman von der Grundannahme aus, dass jeder Mensch permanent versucht ein gewisses Bild von sich zu vermitteln, da soziale Interaktionen gleichzeitig eine ständige Beobachtung durch die Außenwelt bedeuten. Demnach spielt jeder Mensch „Theater“, er fügt sich in seine jeweilige soziale Rolle ein, die zwangsläufig an eine bestimmte Fassade gekoppelt ist. (1) Als Beispiel hierfür führt Goffman das Berufsbild des Kellners an. In dem Moment indem der Darsteller sich einer etablierten Rolle zuordnet, hier der Gastronomie und Dienstleistung, verbindet er sich mit der vorgegebenen sozialen Fassade, die von gesellschaftlichen und sozialen Vorstellungen geprägt ist. Der Begriff des Theaters fungiert dabei als Modell für die soziale Welt, in der jedes Individuum durch Beruf, Familienstand, Herkunft et cetera eine zugewiesene Rolle besitzt. Daraus resultiert, dass das persönliche Selbst ein Zuschreibungsprodukt ist, konstruiert aus der Wahrnehmung anderer. Die soziale Fassade ist demnach eine Rolle, die sich jeder Einzelne aneignet, der sich in einem gesellschaftlichen Umfeld befindet. Hinter der Fassade steht die psychologische Innenwelt des Individuums, ein Bereich der Außenstehenden nicht vollends zugänglich ist.

Genzken_Isa-2Isa Genzken, Neues Design für Weltempfänger, Soziale Fassade, 2002, Installationsansicht, DekaBank Kunstsammlung, Courtesy of the Artist and VG-Bildkunst, Bonn 2018, Foto: Axel Schneider

Bei Isa Genzken steht der Begriff der sozialen Fassaden für ihre Werkgruppe der urbanen Bildobjekte, die durch ihre Assemblage-Technik unmittelbar auf ihre Lebensräume reagieren. Dabei entsteht in ihren Werken eine Verbindung zwischen Permanenz und Vergänglichkeit, Konstruktivismus und Minimalismus im kritischen Hinblick auf die moderne Architektur. Sie beschreiben den gesellschaftlichen Umgang und Aufbau unserer Lebenswelt, was gleichzeitig als Ausdruck gesellschaftlicher Hoffnung und Beständigkeit gesehen werden kann, sowie als Mahnmal für die kollektive Konsumsucht und Destruktivität. Dieser Widerspruch ist charakteristisch für Genzkens Kunst und am treffendsten von dem „Artforum“-Kritiker Hal Foster beschrieben, als er über das Werk Genzkens sagte, dass nicht nur die Kunst und Architektur der Moderne bei ihr Ruinen sein, sondern auch das kapitalistische Subjekt bei ihr in tiefen, tiefen Schwierigkeiten stecke. (2) Isa Genzken beschäftigt sich in ihren Werken mit Alltagsgegenständen als Insignien der Konsumwelt und kombiniert diese mit industriellen Dekorationsmaterialien. Dabei verschwimmt in ihren Werken die Grenze zwischen Bewohner und Architektur – sie erscheinen als gemeinsame soziale Fassade, die nicht differenziert voneinander zu betrachten sind.

 

Ein Beitrag von Roxana Frey


(1) Erving Goffmann, Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, Übersetzt von Peter Weber-Schäfer. 10. Auflage. Piper, München 2003; org.: The presentation of self in everyday life. Doubleday & Company, New York 1959.
(2) Hal Foster, Isa Genzken, Artforum, Vol. 52, No. 6, p. 204, February 2014.