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International Archive Day #2: Beat Streuli

Die Künstlerfreundschaft, die Jean-Christophe Ammann mit dem Schweizer Fotografen und Installationskünstler Beat Streuli verband, begann bereits während Ammanns Tätigkeit als Leiter der Kunsthalle Basel. Das Archiv des früheren MMK Direktors und Schweizer Kunsthistorikers, enthält detaillierte Dokumentationen über seine Beziehungen zu Künstlerinnen und Künstlern. Streulis fotografisches Werk Sydney/Melbourne ist zurzeit in der Ausstellung Image Profile im MMK 2 zu sehen. Im ersten Teil dieser Serie anlässlich des International Archive Day am 9. Juni hat unsere Mitarbeiterin Nadine Hahn bereits einen Einblick in das Archiv Jean-Christophe Ammann gegeben.

Seit den 1990er-Jahren fotografiert Beat Streuli Menschen im urbanen öffentlichen Raum. Unsere zielgerichteten Bewegungen durch die Stadt laufen nach bestimmten Regeln ab. Man verfolgt den Straßenverkehr, wartet an der Ampel, steigt erst in den Bus, wenn alle ausgestiegen sind. Über diese Vorgänge müssen wir nicht aktiv nachdenken, sie sind völlig in unsere Automatismen übergegangen. In Gedanken sind wir schon bei unserer Einkaufsliste, beim abendlichen Kochen, bei den Gästen, die zum Essen geladen sind. Unsere konkrete Mimik ist uns während dieser Gedankenreise ziemlich gleichgültig. Sie nimmt eine womögliche Haltung an, die nicht auf Kommunikation mit einem Gegenüber ausgerichtet ist. Das sind die Momente, in denen Streuli auf den Auslöser seiner Kamera drückt, um sie festzuhalten. In einem Interview von 1994 kommentierte er dies mit den Worten: „Ich werde manchmal nicht ganz verstanden, wenn ich von Schönheit spreche, wahrscheinlich, weil viele meiner ‚Protagonisten’ einen etwas abwesenden Ausdruck auf dem Gesicht haben oder jedenfalls nicht besonders fotogen aussehen. Für mich ist es aber gerade dieser Ausdruck, bei dem ich oft denke, dass die Leute ‚richtig’ aussehen und schön sind.“ (1)

01 Streuli_Sydney_FormatAusstellungsansicht Image Profile mit zwei Werken von Beat Streuli aus dem Zyklus Sydney/Melbourne, 1997/1998, Foto: Axel Schneider

Die Arbeit mit dem Teleobjektiv ermöglicht Streuli das Ablichten seiner Passanten aus großer Distanz. Unwissend des Beobachtetwerdens, fängt Streuli einen Augenblick ein, in dem er das Individuum aus der Anonymität der urbanen Großstadt heraushebt. Doch lastet bei Streuli auf der Menschenmenge, die sich durch die Straßen bewegt, nicht die Schwere einer Herde – vielmehr bildet sie einen geschmeidigen, dynamischen Schleier, der für den Moment der Aufnahme geteilt wird.

„Beat Streuli macht genau das Gegenteil dessen, was ein Reportagefotograf tut: Er fotografiert am Motiv vorbei.“ (2) Dieses viel diskutierte Zitat von Ammann zu Streuli zeigt die Gleichgültigkeit des Fotokünstlers gegenüber außergewöhnlichen und einzigartigen Bildern und sein Interesse an Verschiebungen, Unterbrechungen und Übergängen. Er versucht, „Bilder zu machen, die man nicht sehr aufmerksam anschauen muss: Man kann sie im Vorbeigehen sehen, und ist keineswegs gezwungen, sie sich von Anfang bis Ende anzuschauen.“ (3) Dieses Vorüberziehen betrifft vor allem Streulis Dia-Installationen, wie beispielsweise Bondi Beach/Paramatta Road (1998) aus der MMK-Sammlung.

02 Bondi BeachInstallationsansicht, Beat Streuli, Bondi Beach/Paramatta Road, 1998, Foto: Axel Schneider, © Beat Streuli

Das Werk Bondi Beach/Paramatta Road hat der Künstler speziell für den großen Dreiecksraum in der 1. Ebene des MMK konzipiert und persönlich eingerichtet. Von fünf Projektionstürmen aus werden nacheinander 356 Diapositive formatfüllend an alle drei Wände des Ausstellungsraums geworfen. Durch die Gleichzeitigkeit ist es den Betrachtern nicht möglich, einen Standpunkt einzunehmen, von dem aus alle Projektionen gleichzeitig angeschaut werden können. Man taucht durch die komponierte Bildfolge, die in langsamen Rhythmen überblendet werden, in filmhafte Sequenzen ein. Wie bei den zwei Werken aus dem Zyklus Sydney/Melbourne (1997/1998) wird dem Publikum Zugang zu einem „Mikroereignis“ (4) gewährt. Der Zuschauer wird dem Moment, indem sich die junge Frau die Haare hinter die Ohren streicht und mit einer Kopfbewegung ihren Blick umwendet, für einen kurzen Moment habhaft.

03 ErsteArbeit_TYPOSLinks: Typoskript von Jean-Christophe Ammann, Der kühle Blick von Beat Streuli, Rechts: Beat Streuli, Schwarzweiss-Grossfotos, 1983/84, erschienen in dem Künstlerbruch Streuli, Beat: Die reine Richtung, Bildreihe 1983/84, Liestal, Palazzo Kunsthalle 1984, S. 5, 7, 9, © Beat Streuli

Neben Bondi Beach/Paramatta Road und den zwei Sydney/Melbourne-Werken befinden sich fünf weitere fotografische Arbeiten von Streuli in der MMK-Sammlung, die alle unter der Ägide Ammanns zwischen 1995 und 2001 erworben wurden. Der Austausch zwischen Ammann und Streuli reicht zur allerersten Ausstellung des Künstlers in der Palazzo Kunstgalerie im Jahr 1984 zurück. Ammann hatte damals die Leitung der Kunsthalle Basel inne und verfasste den Einführungstext für die zur Ausstellung erschienene Publikation: „Beat Streuli ist es gelungen, Gegenstände zu entdinglichen und gleichzeitig zu verdinglichen […], weil die Ausrichtung dieser Bildgegenstände als verdinglichte Perspektive einem Raum- und Zeitsystem angehört, wo die Schwerkraft eine andere zu sein scheint.“ (5) Streuli verarbeitet Gesichter, Buchstaben, Worte und geometrische Elemente – alles leicht identifizierbare Bestandteile – zu fein austarierten Bildkompositionen, die stark von der kinematographischen Bildsprache und von Science-Fiction-Filmästhetik beeinflusst sind.

04 Streuli_Mix_BriefBrief von Beat Streuli an Jean-Christophe Ammann, 08.07.1988, drei Fotografien, Nachricht wurde handschriftlich auf die Rückseite einer Fotografie notiert, Inv.-Nr.: JCA1STRE, Archiv Jean-Christophe Ammann, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt, © Beat Streuli

Während Streuli bei den Konstruktionen noch Dunkelkammermontagen aus Fragmenten von Straßenfotos und schwarzen Flächen zusammensetzte, um den Realismus der Fotografie zu neutralisieren, wendete er sich ab 1988 genau diesem Wirklichkeitsbezug zu. Elemente, die er vorher im Atelier inszeniert hatte, fand er auch auf der Straße wieder.

Ein besonderes Objekt Streulis im Ammann Archiv bildet der Entwurf einer neuen Fotoserie von 1988, die der Künstler im Buchformat strukturiert hatte. Streulis erster reiner Fotoband erschien 1989. Die Idee, leere Doppelseiten zur Strukturierung der Betrachtungserfahrung einzubauen, behielt er bei. Die Einzelbilder wurden immer über die gesamte Doppelseite abgebildet. Hier kündigt sich bereits das Interesse an der Einflussnahme auf die Rezeption, wie sie sich später in den Dia-Installationen ausdrückt, an: Der Leserichtung im Zeitfluss folgend lenkt Streuli durch die Leerstellen die momentartige Wahrnehmung seines Bildbandes.

05 Fotoserie_MontageBriefsendung von Beat Streuli an Jean-Christophe Ammann, Düsseldorf 03.03.1988, Anlage: Entwurf Fotoserie, hier: S. 13/14, S. 21/22, S. 33/34, S. 39/40, S. 45/46, S. 47/48, Inv.-Nr.: JCA1STREU, Archiv Jean-Christophe Ammann, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, © Beat Streuli

Streulis Blick auf die Stadt ist stark durch seine Arbeit an den Konstruktionen geprägt. Schriftelemente und Fokussierungen auf formale Details bestimmen die Komposition, die entscheidendes Kriterium für die Auswahl innerhalb einer Serie von Shots bildet. Seiner Auswahl folgend, nehmen die Betrachter Streulis Rolle ein: Mit beobachtender Distanz und aufmerksamer Sinnlichkeit streunt das Auge durch die Großstadt – so betritt die Figur des Flaneurs als Kind der Stadt des 20. Jahrhunderts Streulis Bühne.

Ein Beitrag von Nadine Hahn


(1) Drucksache: Ein Gespräch mit Beat Streuli von Martine Béguin und Jean-Paul Felley, hrsg. Kunsthalle Sankt Gallen, anlässlich der Ausstellung Beat Streuli. Prix Montres Breguet d’art contemporain (04.11.-23.12.1994), S. 1.

(2) Ammann, Jean-Christophe: Einführungstext Ausstellungskatalog, hrsg. Kunsthalle Sankt Gallen, anlässlich der Ausstellung Beat Streuli. Prix Montres Breguet d’art contemporain (04.11.-23.12.1994), S. 5. – (Zitiert in: Winkelmann, Jan: Gestohlene Blicke. Fotografien von Beat Streuli, Metropolis M. Tijdschrift over hedendaagse kunst, No. 4, August 1997.; Pfab, Rupert: Photographien des modernen Lebens, in: CITY, Kunsthalle Düsseldorf und Kunsthalle Zürich, Ostfildern 1999, S. 7.; Krystof, Doris: THEATER DES MODERNEN LEBENS. BEAT STREULIS ARBEITEN IN DEN STÄDTEN, Ausstellungskatalog Arc / Musée des Arts Contemporains, Paris 2008.)
(3) Siehe Fußnote 1, S. 4.
(4) Hentschel, Martin, DIE LANGSAMKEIT DER STRASSE, in: Beat Streuli USA 95, Württembergischer Kunstverein Stuttgart, unpaginiert.
(5) Ammann, Jean-Christophe: Der kühle Blick von Beat Streuli, in: Streuli, Beat: Die reine Richtung, Bildreihe 1983/84, Liestal, Palazzo Kunsthalle 1984, S. 3.