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International Archive Day #3: Christian Boltanski

In der Ausstellung Image Profile im MMK 2 wird, neben Les Suisses morts (1990), eine weitere Arbeit des französischen Künstlers Christian Boltanski gezeigt. Sie stammt ursprünglich aus dem Archiv des ehemaligen MMK Direktors Jean-Christophe Ammann. Aufgrund seines einmaligen Charakters wurde das Werk aus dem Archiv in die MMK Sammlung überführt. In diesem dritten und letzten Teil der Serie anlässlich des diesjährigen International Archive Day wirft unsere Mitarbeiterin Nadine Hahn nach Thomas Ruff und Beat Streuli nun einen Blick auf die Dokumentation der Werke Christian Boltanskis.

Christian Boltanski setzte sich schon früh in seinem künstlerischen Werk intensiv mit seiner eigenen Vergangenheit und ihrer Rekonstruktion auseinander. In Album de Photo de la Famille D. 1939-1964 thematisiert er mit privaten Fotografien von ihm fremden Personen, erneut den Trugschluss, dass Fotografie die Fähigkeit besitzt, Erinnerungen vor dem Vergessen zu bewahren und für die Ewigkeit zu erhalten. Die Motivation eines Amateurfotografen liegt im Festhalten eines besonderen Moments: mal eben positioniert sich die Familienbande für einen Schnappschuss, eine Fahrradtour durch den Frühling, einen Sommertag am Meer, einen Herbstsparziergang im Wald oder ein Festmahl vor dem Weihnachtsbaum. Man möchte sich das Ereignis unverbrüchlich einverleiben, indem die Kamera nicht als künstlerisches Werkzeug, sondern als reiner Bilderzeugungsapparat verwendet wird.

01 Boltanski_Ausstellungsansicht
Ausstellungsansicht Image Profile (23.03.-15.07.2018), Christian Boltanski, Album de Photo de la Famille D. 1939-1964, 1971/1972, Foto: Axel Schneider, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
02 Boltanski_Detailansicht
Ausstellungsansicht Image Profile (23.03.-15.07.2018), Christian Boltanski, Album de Photo de la Famille D. 1939-1964, 1971/1972, Foto: Axel Schneider, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Boltanski nimmt diese 150 Amateurfotografien als Ausgangsmaterial und überführt sie in einen konzeptuell-künstlerischen Raum. Er konstruiert eine Reihenfolge und legt in einer für ihn typischen Manier dar, wie Bilder bei der Betrachtung in der Abfolge narrative Elemente und vermeintliche Sinnzusammenhänge aufbauen können. Doch letztendlich muss er feststellen, dass man nichts Spezifisches über die Familie D. erfährt: „Ich bemerkte jedoch, dass ich nicht weiter vordringen konnte, denn diese Dokumente schienen der gemeinsamen Erinnerung irgendwelcher Familien anzugehören. Jeder konnte sich in diesen […] [F]otos wieder erkennen.“ (1) Das Album sieht wie jedes Familienalbum aus dieser Zeit aus. Die Taufe, die Hochzeit oder die Hauseinweihung zeigen sich als kollektive Rituale. Das auslösende Anliegen wendet sich im Kreis: Als Zeugnisse eines individuellen Daseins gedacht, verweisen sie in stereotyper Weise auf einen Allgemeinplatz, sobald sie den ursprünglichen Kontext verlassen. Memento Mori statt Unsterblichkeit.

03 Album_weissChristian Boltanski, Prototyp Künstlerbuch Album de Photos de la Famille D., 1939-1964, 1971/1972, Vorwort und S. 15, Archiv Jean-Christophe Ammann, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, 2002 in die MMK-Sammlung überführt, Foto: Axel Schneider, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
04 Boltanski_Covers_weissLinks: Ausstellungskatalog Ben Vautier, Christian Boltanski, Jean le Gac Joch C. Fernie, Kunstmuseum Luzern (26.03.-30.04.1972), Rechts: Christian Boltanski, Künstlerbuch Famille D., als Sonderdruck (tiré-à-part) des Ausstellungskatalogs mit 150 Schwarzweißfotografien, März 1972, 46 Seiten
05 Brief 19720112_weissBrief von Christian Boltanski an Jean-Christophe Ammann, 12.01.1972, Inv.-Nr.: JCA1BOLT, Archiv Jean-Christophe Ammann, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main

Das in der Ausstellung Image Profile präsentierte Werk Album de Photo de la Famille D. 1939-1964 ist ein einmaliger Prototyp für ein Künstlerbuch, das Boltanski 1972 in Zusammenarbeit mit Ammann für eine Gruppenausstellung mit Ben Vautier, Jean le Gac und John C. Fernie im Kunstmuseum Luzern publiziert hat. Es handelt sich somit um eine Arbeit, die direkt aus dem Archiv in die Sammlung des MMK überführt wurde. Für das entsprechende Kunstwerk wurden in der Ausstellung 1972 in Luzern die 150 Fotografien aus dem Familienalbum auf jeweils 22,5 x 31 cm vergrößert und in Weißblech gerahmt. Mit einem Brief vom 12. Januar 1972 übersendet Boltanski die Katalogseiten an Ammann und gibt gleichzeitig Einblick in seine Vorstellung der Präsentation in der Ausstellung: „Hier sind die Seiten des Kataloges, ich hoffe, dass Ihnen die Präsentation gefallen wird. Die Fotos werden in der gleichen Reihenfolge auf der Museumswand präsentiert. Das heißt, 6 zu 6, ich denke, dass die Betrachter so in der Lage sein werden, das Fortschreiten der Handlung zu erkennen […].“ (2)

06 Mix_Ausstellung LuzernAusstellungsansichten Kunstmuseum Luzern (26.03.-30.04.1972), Fotos: Leo Moser, Archiv Jean-Christophe Ammann, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main

Das ursprüngliche Familienfotoalbum erhielt Boltanski von seinem Jugendfreund Michel Durand, der die höhere Handelsschule besucht hatte und dennoch sehr kunstaffin war. Als Album de Photo de la Famille D. 1939-1964 nach der Präsentation in Luzern ein weiteres Mal im Jahr 1972 auf der documenta 5 ausgestellt wurde, begleitete Durand Boltanski, um bei der Installation anwesend zu sein. Beim Vergleich der Ausstellungsansichten stellt sich die Frage, ob Durand Einfluss auf die Hängung genommen hat. Waren die einzelnen Fotografien in Luzern entsprechend den Sechsergruppen im Katalog gehängt worden, sind sie in Kassel in einer durchgehenden Reihung angeordnet. Zwar wurden die Sechsergruppen beibehalten, aber die Reihenfolge wurde über die Gruppierungen hinaus variiert, sodass die ehemalige Leserichtung nicht erhalten blieb, auf die Boltanski in Luzern noch besonderen Wert gelegt hatte.

07 ammann documenta ausweisMitarbeiterkarte von Jean-Christophe Ammann, Inv.-Nr.: JCA4DOCU, Archiv Jean-Christophe Ammann, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main
08 documenta_Boltanski_Foto_WalterBinderChristian Boltanski, Album de Photo de la Famille D. 1939-1964, 1971, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Ausstellungsansicht, documenta 5 (30.06.-08.10.1972), Kassel, Abteilung Individuelle Mythologien, Foto: W­alter Binder

Nachdem Durand gemeinsam mit seiner Frau Liliane Durand-Dessert 1975 seine eigene Galerie in Paris gegründet hat und zu einer der erfolgreichsten Galerien für internationale Positionen in Frankreich ausbaute, erwarb er das ursprüngliche Fotoalbum seiner Familie, nun ein Kunstwerk, zurück. Das eigentliche Werk zum Album, das Ammann in Luzern und Kassel ausgestellt hatte, wurde 1983 vom Künstler an das Institut d’art contemporain in Villeurbanne verkauft. Die Weißblechrahmen sind nun dicht auf dicht in einem Raster von 10 x 15 angeordnet, sodass die Arbeit ein Gesamtmaß von 2,2 x 4,5 m aufweist. Diese dichte Hängung ist typisch für Boltanskis spätere raumgreifenden Foto-Installationen.

09 Iac VilleurbanneChristian Boltanski, Album de Photos de la Famille D., 1939-1964, 1971, Collection IAC, Villeurbanne (France), Foto: Yves Bresson, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Kann der Prototyp des Künstlerbuchs aus dem MMK-Archiv als eigene Erscheinungsform des Werkes betrachtet werden kann? In seinen Briefen betont Boltanski, wie sehr ihn die Arbeit an dem Künstlerbuch erfreut und wie wichtig ihm die Publikation im Buchformat war: „Ich habe mit der Arbeit an dem Katalog begonnen, was mich sehr glücklich macht und ich hoffe, dass ich in drei Wochen fertig bin.“ (3) „Ich habe letztendlich kein Foto vergrößert, um dem Ganzen den Aspekt des Familienfotoalbums zu erhalten und um keine Wahl treffen zu müssen, die einigen Fotos Priorität eingeräumt hätte.“ (4) Der ursprüngliche Albumcharakter verstärkt bei der Betrachtung zumindest das Gefühl, voyeuristisch in einen privaten Bereich einzudringen. Auch wenn dies nach Boltanski der jeweils persönliche Bereich des Betrachters ist: „Die Bilder vermitteln mir nichts was in Wirklichkeit das Leben der Familie D. war, sie verweisen mich auf meine eigenen Erinnerungen.“ (5)

Ein Beitrag von Nadine Hahn


(1) Boltanski, Christian: Album de Photo de la Famille D. 1939-1964, 1971, Vorwort S. 2.
(2) Freie Übersetzung durch die Autorin: „Voici les pages du catalogue, j’espère que la présentation vous plaira. Les photos seront présentées sur le mur du musée dans le même ordre. C’est à dire 6 par 6, je pense qu’ainsi les spectateurs pourront voir la progression de l’action, […].“, Brief von Christian Boltanski an Jean-Christophe Ammann, 12.01.1972, Inv.-Nr.: JCA1BOLT, Archiv Jean-Christophe Ammann, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main
(3) Freie Übersetzung durch die Autorin: „j’ai commencé à travailler au catalogue ce qui me rend très heureux et j’espère le finir d’ici 3 semaines“, Brief von Christian Boltanski an Jean-Christophe Ammann, 11.10.1971, Inv.-Nr.: JCA1BOLT, Archiv Jean-Christophe Ammann, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main
(4) Freie Übersetzung durch die Autorin: „je n’ai finalement agrandi aucune photographie pour conserver à l’ensemble l’aspect album de photo de famille et pour ne pas avoir à faire un choix qui aurait priorisé certaines photos.“, Brief von Christian Boltanski an Jean-Christophe Ammann, 12.01.1972, Inv.-Nr.: JCA1BOLT, Archiv Jean-Christophe Ammann, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main
(5) Boltanski, Christian: Album de Photo de la Famille D. 1939-1964, 1971, Vorwort S. 2.