RAY 2018

Body Test

Die Ausstellung EXTREME. BODIES im Museum Angewandte Kunst beleuchtet Darstellungen von Körper und Identität, die sich mit Gender, Drogenexzessen, randständigen Lebensweisen, Armut sowie dem Verschwinden des eigenen Körpers beschäftigen. In den Videofilmen von Jamie Brunskill, zeigen sich Körper ohne Köpfe, die in sich verformt und wie lebende Skulpturen wirken. Im Interview mit RAY spricht Jamie Brunskill über die Unterschiede zwischen seinem kommerziellen und künstlerischen Schaffen. 

English version below

brunskill_morph_02Jamie Brunskill, Body Test 01 + 02, Filmstill, 2015, © Jamie Brunskill

RAY: Du bist der Leiter von Nike Londons Creative Lab und warst verantwortlich für erfolgreiche visuelle Kampagnen wie NIKE LONDONER 2018. Unterscheidest du zwischen Kunstwerken und Designs für Kunden?

Jamie Brunskill: Ich versuche es, wenn möglich, nicht zu trennen. Ich finde, dass die kommerzielle Seite des Designens dazu führt, dass die endgültige Idee manchmal etwas lahmer ist, als wenn man sich diese in einem Kunstwerk vorstellt. Aber ich denke auch immer, dass die Entwicklung meiner künstlerischen Arbeiten dazu beiträgt, tiefer und kreativer zu denken, was mir wiederum dabei hilft, mit den Designs, die ich für meine Kunden mache, an einen spannenden Punkt zu gelangen. Es wäre toll, nicht zwischen beiden zu unterscheiden, jedoch ist es so, dass die Extreme meiner Kunstwerke kommerziell schwer zu verdauen sind.

RAY: In deinen Videoarbeiten Body Test 1 + 2 scheinen die Körper von ihren Persönlichkeiten entfremdet. Sie sind verzerrt und wirken wie lebende Skulpturen oder wie ein fleischliches Substrat von nicht wiedererkennbaren Individuen. Wie fügt sich diese Arbeit in deine künstlerische Entwicklung ein?

JB: Mein Start als männliches Model in meinen späten Teenager-Jahren und die Arbeit als Kreativer in der Modebranche in den letzten 15 Jahren, waren unterbewusst der Grund für die Entstehung meiner Kunst. Ich bin und war immer mit dem Aussehen, der Körperform und den Persönlichkeiten der Menschen beschäftigt. Ich denke, dass diese Arbeit genauso viel Persönlichkeit beinhaltet wie meine anderen Arbeiten auch, aber in einer extremeren und abstrakteren, die schwer verdaulich ist. Es ist eine andere Art Schönheit zu betrachten und diese möchte ich den Menschen bewusst machen.

RAY: Inwieweit verflechtest du deine kommerzielle und künstlerische Praxis miteinander? Beeinflussen sie sich gegenseitig?

JB: Die Bereiche in denen ich mich als Künstler bewege, sind ein Türöffner für meine eher kommerzielle Designarbeit. Mit einer Ausnahme, war es immer schwierig, einen Kunden zu finden, der die Extreme meiner künstlerischen Arbeit akzeptiert: Alexander McQueen, der meine vorherige Serie von Body-Morph-Kunstwerken aufgriff und sie als Teil seiner Kampagne und für In-Store-Visualisierungen im Jahr 2013 verwendete, zusammen mit Skulpturen von Sarah Lucas.

brunskill_morph_01Jamie Brunskill, Body Test 01 + 02, Filmstill, 2015,© Jamie Brunskill

RAY: Inwiefern hat die Arbeit in der Mode deinen Blick auf (menschliche) Körper geprägt?

JB: In der Modebranche zu arbeiten und dabei in einer Metropole wie London aufzuwachsen, öffnet die Augen für die Welt und alle, die darin leben. Die exklusive Welt der Mode, die die Menschen begeistert, ist für mich keine gute Darstellung des Lebens. Man kann die schönsten Gesichter sehen und treffen, aber die Modenorm der Größe 0 ist, so empfinde ich, ein Extrem an sich, das in der gleichen extremen Welt sitzt wie meine „Body Test“-Arbeit. Es ist ein Extrem, es ist nicht die Norm, und das ist der Grund, warum die Menschen davon angezogen und begeistert sind. Genauso wie die Mode den Menschen anspricht, erregt sie, sie ist extrem und auch ziemlich unantastbar.

RAY: Inwiefern hat ein starker Diskurs über Geschlechtermodelle und Körperbilder in den letzten Jahren deine künstlerische Praxis und deine Position als Creative Director beeinflusst?

JB: Die Industrie kann sehr engstirnig in Bezug auf das Körperbild sein. Wie ich bereits erwähnt habe, habe ich das Gefühl, dass die Kunden beginnen, Veränderungen zu akzeptieren. Ein großartiges Beispiel war kürzlich ein Auftrag des britischen Einzelhändlers River Island, dieses Problem innerhalb der Branche anzugehen. Das Ergebnis war eine multikulturelle Kampagne, die für die Sommerkollektion 2018 unter dem Namen ‚ LABELS ARE FOR CLOTHES‘ gestartet wurde. Ich wollte die Menschen dazu inspirieren, ihre Identität auszudrücken und die Marke ermutigen, diesem heiklen kulturellen Thema ihre Stimme zu verleihen. Wir haben eine Vielzahl von Models gecastet, von plus-sized, gay bis trans. Wir haben die grafische Sprache von Bekleidungslabels übernommen und unseren Charakteren diese Identität verliehen. Etiketten sind für Kleidung, nicht für Menschen. Dieses Thema wird im Moment viel besprochen. Ich hoffe nur, dass eine solche Form der Werbung weiter wächst. Eine solche Kampagne sollte als Norm betrachtet werden.

Was bedeutet Extreme für dich? Wie beziehst du dich auf das Thema EXTREME in deiner eigenen künstlerischen Praxis?

JB: Ich liebe das Wort extrem. Nie etwas Halbherziges zu tun, eine Störung zu verursachen, die Leute dazu zu bringen sich nach etwas umzudrehen. Es ist dieser Genuss im Leben von dem wir alle ein Stück wollen. Aber wenn man diesen jeden Tag erleben würde, wäre dieser nicht mehr extrem, sondern normal. In Bezug auf diese und meine künstlerische Praxis denke ich, dass das Wort extrem mich in meinem täglichen Arbeitsalltag antreibt. Ich möchte Aspekte finden, die stören und zum Nachdenken anregen. Man braucht Extreme, um im Leben und in der Arbeit voranzukommen. Ohne die Extreme erleben wir jeden Tag den gleichen Mist, an den wir alle gewöhnt sind und mit dem wir uns sicher fühlen. Extrem ist, was Kreativität erweckt, wenn ich nach einem Tag voller Kreativität nach Hause gehen und mich in Ruhe entspannen kann.

RAY: Das kuratorische Team von RAY 2018 stellt fest, dass „das Extrem untrennbar mit der Fotografie verbunden ist“. Stimmst du dem zu?

JB: Ich stimme zu, dass die Fotografie wahrscheinlich der beste Weg ist, um zu zeigen, was extrem ist. Aber wie gesagt, denke ich nicht, dass ein Bild wörtlich genommen werden muss und nur als eine Art des kreativen Denkens gesehen werden kann. Sie kann Grenzen in uns selbst verschieben, Menschen zum Nachdenken bringen und zu neue Ideen anspornen.

RAY: Siehst du Grenzen (politisch, ästhetisch, moralisch, ethisch etc.) in der Darstellung des „Extremen“ in deiner eigenen Praxis?

JB: Ich sehe Grenzen, aber nur im Hinblick darauf, Menschen nicht verletzen oder verärgern zu wollen.


 

The exhibition EXTREME. BODIES at the Museum Angewandte Kunst turns the spotlight on representations of the body and of identity. The artists address the topics of gender, drug abuse, lives lived on the margins and poverty, as well as the overpowering presence or disappearance of one’s own body. In Jamie Brunskill’s films the bodies and heads within his films are left distorted and appear like living sculptures or like carnal substrate of non-recognisable individuals. In an interview with RAY, Jamie Brunskill talks about the differences between his commercial and artistic work.

RAY: You are the head of Nike London’s creative lab and have been responsible for successful recent visual campaigns such as NIKE LONDONER 2018. Do you distinguish between art works and designs for clients?

Jamie Brunskill: I try not to if possible, but find that the commercial side of design warrants the final idea sometimes to be slightly more tame than one might create as an art piece. But I do always find that creating my artworks opens up the recesses in my mind to think deep and creatively, of which in turn helps me get to a more interesting place with the designs I make for my clients. It would be great not to differentiate between them both, but I find that the extremes of my artwork would be quite hard to digest commercially.

RAY: In your video works Body Test 1 + 2 (2015) bodies seem to be reduced from their personalities. They are left distorted and appear like living sculptures or like carnal substrate of non-recognisable individuals. How does this work fit into your broader artistic spectrum?

JB: I think starting off as a male model in my late teens, then working as a creative in the fashion industry for the past 15 years has subconsciously been the reason for creating the artwork that I do. Always working with peoples looks, body shape and personalities. I think that this work shows just as much personality as other work I create, but is shown in a more extreme and abstract format, which people might find harder to digest. It is a different way to look at beauty I find, of which I want people to be aware of.

RAY: How far do you interweave a commercial and artistic practice? Do they influence each other?

JB: I think that the areas I go to in my mind to create my artwork, really help open doors for my more commercial design work. Commercially it is hard to find a client which can accept the extremes of my artwork, with a one-off exception being Alexander McQueen, who picked up my previous series of body morph artwork and used it as part of their campaign and for in-store visuals in 2013. As part of a joint art show alongside the sculptures of Sarah Lucas. But apart from this, thinking extreme in one’s artwork opens certain recesses in your mind which help to push the boundaries of my commercial design work.

RAY: In what way has working in fashion shaped your view on (human) bodies?

JB: Working in fashion but growing up in a metropolis such as London, opens your eyes to the world and everyone in it. The exclusive world of fashion which excites people, i don’t feel is a good representation of life. Yes, you can see and meet the most beautiful faces, but the fashion norm of size 0 I feel is an extreme in itself, which sits in the same extreme world as my Body Test work. It is an extreme, it is not the norm, which I feel is why people are drawn to and excited by it. In the same way fashion does to people, it excites, its extreme and also quite untouchable.

RAY: In what way did a strong discourse on gender models and body images in recent years influence your artistic practice and your position as creative director?

JB: I find that the industry can be very narrow-minded with regards to body image. As I mentioned before, i feel that clients are starting to accept change. One great example was a recent brief I was given by British high street retailer River Island to tackle such issues within the industry. The result was a multicultural campaign which launched in SS18 called ‚ LABELS ARE FOR CLOTHES‘ where I wanted to inspire people to express their identity and encourage the brand to lend their voice to this hot cultural topic surrounding labels and stereotypes. Casting a diverse range of models, from plus sized, gay and trans. We took the graphic language of clothing labels and lent them to our characters identity. Labels are for clothes, not for people. This topic is hot right now, I just hope it keeps growing, as a campaign like this should be seen to be the norm.

RAY: What does Extreme mean to you? How do you relate to the topic EXTREME with your own artistic practice?

JB: I love the word extreme. Never do anything half-hearted, cause a disruption, make people turn heads. It’s this indulgence in life we all want a piece of, but if you live it everyday I don’t think you would feel it as being extreme anymore, and just something called normality. With regards to this and my artistic practice, I think that the word extreme fuels me on my daily work schedule, as I want to find the ideas that disrupt and make people think. You need extreme to progress in life and work. Without it you are just regurgitating the same old crap we are all used to and feel safe with. Extreme is what makes creativity flourish, then I can go home after a day of being extremely creative and relax in the calm of my life.

RAY: The curatorial team of RAY 2018 states that “extreme is inextricably tied to photography”. Do you agree?

JB: I do agree, that photography is probably the best way to show what extreme is. But as mentioned in my other answers, i don’t think it needs to be as literal as an image, and can just be seen as a way of thinking creatively and pushing boundaries within ourselves and as creatives to the rest of the world. Making people think and spuring new ideas.

RAY: Do you see boundaries (political, aesthetic, moral, ethical etc.) in imaging the “Extreme” in your own practice?

JB: I do see boundaries, but they are only with regards to not wanting to hurt people or make people feel upset.